Posttraumatische Belastungsstörungen bei Kindern und Jugendlichen [chapter]

M. Noeker, I. Franke, B. Herrmann
2015 Pädiatrie  
a Landesrat f€ ur Krankenhäuser und Gesundheitswesen, Landschaftsverband Westfalen Lippe, M€ unster, Deutschland b Zentrum f€ ur Kinderheilkunde, Universitätskinderklinik Bonn, Bonn, Deutschland c Klinikum Kassel, Kinder-und Jugendmedizin, Kassel, Deutschland Definition Mehr als 1 von 4 Kindern erlebt ein signifikantes traumatisches Ereignis vor Erreichen des Erwachsenenalters. Solche Erfahrungen umfassen Kindesmissbrauch, Gewalterfahrungen im häuslichen Umfeld, der Schule oder Gemeinde,
more » ... er Gemeinde, Naturkatastrophen, Verkehrsunfälle oder sonstige Unfälle, Krieg, Flucht und nicht zuletzt auch Traumatisierung im medizinischen Behandlungskontext durch Hospitalisierung, invasive Behandlungen und Operationen. Obwohl viele Kinder ein traumatisches Ereignis psychisch ohne Störungsentwicklung kompensieren können, entwickeln einige anhaltende, schwerwiegende, nicht spontan remittierende Beeinträchtigungen ihrer psychischen Funktionsfähigkeit in Form einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) oder anderer Störungen. Kinderärzte sind häufig die ersten Fachpersonen, denen traumatische Erfahrungen mitgeteilt werden. Der Kinderarzt kann erste eigene Unterst€ utzung anbieten sowie auch die Indikation f€ ur weitergehende psychotherapeutische bzw. psychiatrische Anschlussbehandlung stellen und in die Wege leiten. Der Begriff des Traumas beinhaltet sowohl Aspekte eines Ereignisses als auch des subjektiven Erlebens. Nicht jedes traumatische Ereignis f€ uhrt zwangsläufig zu einer subjektiven Traumatisierung im Erleben des Patienten. Ob sich eine PTBS entwickelt, hängt wesentlich von den kognitiven und emotionalen Bewertungen des Traumaereignisses ab. Ein Trauma entfaltet seine entwicklungsbeeinträchtigende Wirkung wesentlich dadurch, dass es grundlegende Glaubenssysteme des Kindes bez€ uglich der eigenen Sicherheit und Geborgenheit, der Vorhersagbarkeit von Geschehensabläufen, der Vertrauens-w€ urdigkeit, Loyalität und Wahrhaftigkeit anderer Menschen in Frage stellt bzw. ersch€ uttert. Das traumatische Ereignis selbst ist nicht reversibel zu machen, veränderbar ist nur die Bedeutung, die das Kind aus dieser Erfahrung f€ ur seine Haltung gegen€ uber der Welt, den Menschen und sich selbst generiert. Interventionen nach erfolgter Traumatisierung zielen demnach vorrangig darauf ab, die kognitiven und emotionalen Bedeutungen zu modulieren und das Kind von belastenden Gef€ uhlen wie Schuld, Scham und Ekel zu entlasten. Klassifikation Typ-1-Traumata beziehen sich auf ein kurz andauerndes Ereignis wie z. B. einen schweren Verkehrsunfall, Überfall, eine Naturkatastrophe, Entf€ uhrung, Vergewaltigung oder Operation. Das Kind verf€ ugt häufig € uber eine klare, lebendige Erinnerung. Typ-2-Traumata beziehen sich auf eine Serie miteinander verkn€ upfter Ereignisse. Vorherrschend sind durch Menschen intendierte Schädigungen wie z. B. wiederholte sexuelle oder körperliche Misshandlungen, eine chronische Vernachlässigung, wiederkehrende und nicht zu kontrollierende Mobbingerfahrungen, chronische Kriegserfahrung oder Flucht. Bei dem Kind dominieren diffuse Erinnerungen, in denen sich die einzelnen Episoden € uberlagern. Das Kind f€ uhlt sich nicht in der Lage, aus eigener Kraft heraus die Traumatisierung zu beenden. Die fehlende Kontrolle bzw. der fehlende Schutz durch wichtige Erwachsene erzeugen zusätzlich traumatisierende Erfahrungen von Ohnmacht und Hilflosigkeit, Schutzlosigkeit und Verrat.
doi:10.1007/978-3-642-54671-6_280-1 fatcat:k52lck2g3vcl7er7uzv6zflole