Frontmatter [chapter]

1843 Achmet und Benide, u. a.  
OSmin. Ich weiß, was du hast sagen wollen. Des Baffa Günstlingder Christder Europäer! Er gefällt dir nicht! he? Sadi (fleht ihn an). Mancher gefällt mir nicht. OSmin. Das war grob. Sadi (arbeitet). Sklavenart. Osmin. Schwarzer! Ich bin hier gewaltig mächtig -Sadi. Gewesen. Von Euch ist keine Rede mehr. Osmin. Du Hund! Sadi (lacht). Eivon unserm Bassa ist ja nicht einmal mehr die Rede; von niemand mehr. Der Europäer ist ja hier Baffa, Rathgeber undwer weiß, was er noch mehr wird. Osmin. Hm! Du
more » ... st ein grobes Thier; aber, bei dem Propheten! -Du bist auch ein kluges Thier. -Du hast ganz Recht. Es verhält sich alles so. Es soll aber, trotz dem europäischen Lehrer, alles wiederum in seinen alten Gang kommen. Sadi. So? Nun -(Gibt ihm die Schaufel.) Da denn! Osmin. Was soll ich damit? Sadi. Den Europäer todt schlagen; denn anders kommt es hier nicht mehr in den alten Gang. Osmin. Hm! wenn ich dürfte, was ich möchte, soich will damit eben nichts gesagt haben; aber -Sadi. Aber etwas gefragt haben? Geh! thue was du kannst, ich thue was ich will. (Arbeitet.) Osmin. Wenn dir zu trauen wäre, soich meine nämlich -ich meine -Sadi. Nichts. Osmin. Nichts? hm! -Ein Todter ist freilich nichts; 7 aber doch meine ich, ein gewisser Todter, der auf einmal stürbenicht sowohl, was die Leute sonst allmälich aufhören heißensondern der jähling des Todes stürbe -der könnte uns etwas -er könnte uns viel sein. Sadi. Nachdem es käme. Osmin. Sagemir, lieber Sadi,'wie könnte so etwas wohl kommen? Sadi (sieht ihn an). Eben hast du mich einen Hund ge scholtennun heißest du michlieber Sadi! -Was liegt in der Mitte? OSmin. Je nun! -Ein todter Löwe. Sadi. Nein, ein lebendiger. Osmin. Wie?wer?hm! Sadi. Geht! Ihr seid nicht der Mann für ein großes Unternehmen. Osmin. Also von einem Unternehmenvon einem großen Unternehmen wäre denn doch die Rede? hm! Wie? bei wem? Sadi. Ich antworte nicht mehr. OSmin. Gut! aber du wirst etwas thun? Sag' mir nur, ob du etwas thun wirst? Lieber Sadi, ich will -Sadi. Geht dort an des Bassa Fenster, horcht ob er schläftob er im Schlafe sprichtschnell oder langsam athmet: darnach macht Euren Tagesplan.-Ich habe un sern guten Herrn gestern wieder hier weinen sehen -Osmin. Das thut er eine Zeit her oft. Es fragt sich, warum? Sadi. Da stand erdort wandte er sich hinüber, nach den Fenstern dort -Zenidesprach er -Zenide! und 1 * 8 hier fiel seine Thräne -sehthier! Seit einer halben Stunde säe ich auf der Stelle aus. OSmin. Es fragt sich, was säest du aus? Sadi. Meine Gedanken. Osmin (gleichgiltig). Hm! Gedanken? Gedanken sind leere Hülsen. Sadi. Die Frucht sott gut werden, sage ich. Was mir die Ernte bringen wird, ob einen Händedruck, oder den Strick -das ist längst überdacht, und mir gilt es gleich. (Geht ab.) OSmin. Der Kerl gefällt mir, denn es ist voraus zu sehen, daß er den Franken todt schlagen will. So ein Todt schlag ist mir ein nützlicherArtikel. Entweder an und für sich, oder als ein einträgliches Geheimniß. Ich will ihm Wein geben, ich will ihm Geld geben, ich will ihn loben, ich -Iweiter Auftritt. Mustapha. Osmin. Mustapha. Schläft dein Herr? OSmin. Seine Fenster sind noch zu. Nur ist die Frage-Mustapha. Ob auch sein Auge? Osmin (zuckt die Achseln). Mustapha. Sein Herz sollte verschloff'ner sein. Osmin (nickt mit dem Kopfe). Mustapha. Der Franke ist wieder bei meiner Tochter. Osmin (schüttelt den Kopf bedenklich). Mustapha. Meine Zenide! Ich kenne sie nicht mehr. Osmin (seufzt). Mustapha. Alles hat der Fremdling hier von seiner Stelle geschoben. Sonst konnte Zenide nicht ohneAchmet le benjetzt ist er oft allein. s Dsmi« (faltet die Hände). Mustapha. Der Bassa liebt Zeniden herzlich. Osmin (legt die Hände kreuzweiS auf die Brust). Mustapha. Er lebt nur in ihr. Aber er trauert. Der Gram macht ihn unkenntlich, und Zenide ist nicht glücklicher. Osmi« (seufzt). Mustapha. Antworte mir, laß mich nicht den Bäumen meine Klagen vorsagen. Ich suche Trost für mich, und Hilfe für meine Kinder. Osmiu. Herr, es ist jetzt gefährlich zu reden. Mustapha. Wenn man schlecht denkt. OSmi«. O ich denke köstlich. Mustapha. Es ließe sich etwas abhelfen. Sage mir, denkst du ehrlich? Osmin. Herr, ich bin ja Oberaufseher! Mustapha. Ah-(Geht »on ihm.) Warum habe ich hier angefangen? Dritter Auftritt. Vorige. Die Thüren des Sommerhauses öffnen sich. Zwei Sklaven treten heraus und gehen zu beiden Seiten in die Gärten. Man steht den Bassa Achmet auf einem Ruhebette liegen, den Kopf schwermüthig aufgestützt. Hernach Dadi. Dsmin (tritt zurück). Der 35afsa ist erwacht. Mustapha (die Hände dahin gebreitet). Gott segne den gU ten, guten Mann! (Man hört eine sanfte Mustk.) Achmet (steht auf und lehnt stch nachdenkend an den Thürpfosten. Er wird den Kadi gewahr, geht herab und die Musik hört auf). Ein Gefolge (trat vorher von zwei Seiten auf). 10 Sdbi (ist unter diesen und tragt Blumen, ein anderer Kaffee, einer eine lange Pfeife). Achmet (noch in der Ferne). Seid mir gegrüßt, würdiges Kadi! Osmin (wirft sich zur Erde). Mustapha. Der Strahl der Morgensonne bringe Freude in Euer Herz! Achmet (wird Osmin gewahr). Was thust du da? Osmin (richtet den Leib auf. behält die Arme kreuzweis auf der Brust und plappert mit den Lippen). Achmet. Bedarfst du Hilfe, so sprich. Willst du beten, so sei es ungesehen. Jst's Knechtessinn, so verachte ich dich. Steh auf! Osmin. O Herr! meine Treue -Achmet. Sprich nicht davon. Ein Sklave (reicht ihm die Pfeife). Achmet (schlägt sie aus). Ein anderer (Kaffee). Achmet (nimmt ihn, gibt ihn aber gleich wieder zurück). Sadi (bringt ihm Blumen). Achmet (nimmt eine davonseufztküßt sie, und legt sie wieder hin). Bringe sie alle meiner Zenide! Möge das Schick sal ihren Weg immer mit Blumen bestreuen! Geh zu ihr -Doch halt! (Er nimmt eine Blume.) Diese da bringe dem Fran ken -Er läßt so manche Blume auf meinem Pfade sprossen. Mustapha. Die Dornen fühlt Ihr doch auch? Achmet (zum Gefolge). Geht! Das Gefolge (geht ab). Osmin. Eure tiefe Traurigkeit -Achmet (schnell). Schweig! 11 OSmin. Unsere und aller treuen Muselmänner Liebe und Sorgfalt, da wir Euch alle Tage trauriger werden sehen -Achmet. Hast du von Geschäften zu berichten, so thue es. Osmin. Zwei Sklaven sind so trunken nach Hause ge kommen , daß sie nicht zu erwecken sind. Achmet. So laß sie ausschlafen. Osmin. Das wohl; aber wenn sie nun erwachen, dann -Achmet. Sollen sie -Wasser trinken. < Osmin. Der Koran gebeutl Mustapha. Unsere Sitten wollen, daß -Achmet. Ach unsere Sitten! Mustapha. Der Sitten Reinheit seid Ihr ein strenges Beispiel schuldig. Achmet. Wohl bin ich das -in manchem Falle. Ich, an mir zuerst! Ich will das Beispiel geben. Osmin. Und der Kaufmann, der das falsche Gewicht führte -Achmet. Soll bestraft werden. Mnstapha. Er ist verurtheilt, daß er heute fünfzig Streiche leiden soll. Achmet. Nein! nein, das nicht! Mustapha. Das Urtheil spricht so. Achmet. Ich bin Statthalter -Mustapha. Ich bin Richter. Achmet. Ihr seid mein Freund. Mustapha. Fürwahr! Aber das Gesetz -Achmet. Die Strafe ist thierisch; mehr als thierisch. Mustapha. Das Verbrechen ist niederträchtig. Achmet. Ich verlange Aufschub. Mustapha. Aufschub der Gerechtigkeit? 12 Achmet. Der Barbarei, des Unsinns! Ich verlange, fordere, befehle ihn. Muftaphu (tritt zurück). OSmin (gleichfalls). Achmet. Ich bitte darum. Mustapha. Aufschub kann ich gewähren. Osmin. Auch hat sich erwiesen, daß aus Eurem Serail -Achmet. Davon will ich nichts wissen. OSmin. Daß Fatime gegen den Vorsteher Eurer Gär ten -Achmet. Das kümmert mich nicht. OSmin. Sie liebt ihn, sage ich. Achmet. Das mag sie. Osmirr. Herr! Achmet. Hinweg! (Schnell.) Gleich! Osmirr (geht). Achmet. Osmin! OSmin (kommt zurück). Gebieter! Achmet (gemäßigt). Geh' an deine Geschäftedu ver waltest sie treuich danke dir dafür. Osrnirr. Ein freundliches Wort! o Allah sei getobt! (Geht ab.) Vierter Auftritt. Mustapha. Achmet. Mustapha. Gebt es auch mir, daß ich getröstet heimgehe! Achmet. Vater! mein guter Vater! Mustapha. Sohn und Freund! Achmet (seufzl). Vater meiner Zenide! 13 Mustapha. Warum sprecht Ihr das Wort mit Wehmurh aus? Achmet. Warum? Mustapha. Sonst lebtet ihr so glücklich zusammen. Achmet. Glücklich bin ich gewiß; nur in der Art bin ich es nicht, wie ehedem. Mustapha. Was heißt das anders, als daß Ihr nicht glücklich seid? Achmet. Ach, Ihr habt mehr gefragt, als ich beantwor ten kann! Mustapha. Als Ihr beantworten wollt! Ihr wißt, daß vieles mit Euch geworden ist, wie es nicht sein sollte. Achmet, Ihr seid kein guter Muselmann mehr. Achmet. Ich bin ein besserer Mensch geworden, ich will es noch mehr werden. Heißt das meine Nation ver-laugnen? Mustapha. Ein Europäer seid Ihr geworden. Achmet. Immerhin! Mustapha. Ein Franke. Achmet. Sei es! Ich erschrecke nicht davor. Mustapha. Achmet! Ihr setzt mich in Erstaunen. Da hin also hat Euch der undankbare Fremdling gebracht? Sei nen Wohlthäter macht er zu seinem Sklaven? Achmet. Der Weise macht den Guten zu seinem Schüler. Mustapha. Ha! Bassa-Baffa! Ihr werdet den Ko ran abschwören und den Propheten. Achmet. Ich diene der Gottheit -im Turban. Mustapha. Welcher Gottheit? -Der Europäer Gott heit ist ihr Eigennutz. Der wahre Gott gilt ihnen nichts. Achmet. Liebe ich Euch weniger, bin ich jetzt weniger 14 sorgsam in Ausübung meiner Pflichten gegen den Staat, seit der Franke mein Freund ist? Mustapha. Weicher seid Ihr geworden, und das Volk unehrerbietiger gegen die Gesetze. Achmet. Das Volk soll die Gesetze erkennen, aber nicht fürchten; es soll gehorchen, aber nicht zittern. Mustapha. Das lautet besser, als es wirkt. Achmet. Die Liebe soll wirken, die Liebe soll regieren; von da aus soll mein Ernst gehen -Mustapha. Von daher kommt nicht Gehorsam -Achmet. Das spricht die Gewohnheit, nicht Euer Herz -Mustapha. Das Herz hat abgewogen, als unsere Ge setze niedergeschrieben wurden. Achmet. Vor Jahrhunderten. Die Zeit ist anders, an ders die Bedürfnisse, anders die Quellen der Vergehungen, anders müssen unsere Urtheile fallen. Ich will nichts um stoßen. Mustapha. Aber untergraben? Und was? Den Begriff von Recht und Unrecht! mit diesen das allgemeine Vertrauen, die allgemeine Sicherheit. Die Milderung, die Ihr wollt, könnt Ihr bewirken; aber könnt Ihr machen, daß ein ganzes Volk sie ehrt, wie sonst die Gesetze? Könnt Ihr einem gan zen Volke sagen: so weit will ich gehen und nicht weiter; so weit ihr; so weit wollen wir beide gehen, und nicht weiter? -Könnt Ihr das? Achmet. Ich thue was ich kann. Mustapha. Und was Ihr nicht könnt? Achmet. Ist nicht meine Verantwortung. Mustapha. Und der Sturm, den Ihr erregt habt -Achmet. Ich bin mitten im Sturme, und verlange kein besser Schicksal wie die übrigen alle. 15 Mustapha. Das ist muthig gedacht! Aber ist es auch gut? Achmet, das Volk ist irre an Euch geworden-die Verleumdung ist im Gangesie ist bis Stambul gedrun gen; man ist aufmerksam aufEuchder Aufmerksamkeit des Divans folgt -Achmet. Der Strick? Immerhin! Unser Los wurde laugst geworfen. Indem mich das meine trifft, werde ich sa gen: Ich fühle mich besser als vorher. Mustapha. Aber auch ruhiger? Achmet. Nein, ruhiger nicht. Mustapha. Was habt Ihr denn für Euch gewonnen, wenn es fast gewiß ist, daß alle Uebrigen nichts gewinnen oder wenig? Achmet. So ist das Wenige viel! Ich habe die Bahn gebrochen -Mustapha. Wozu? -Doch ich mag nicht wissen, welche Bahn der Fremdling Euch vorgezeichnet hat. Ihm folgt Ihr blindlings, und meine Stimme ist zu schwach gegen sein Uebergewicht. Laßt denn Zenidens Vater fragen, ob der Mann, der seit ein paar Jahren allmählich Euer Orakel ge worden ist, ein guter Mensch ist? Achmet. Ja. Mustapha. Warum ist er hier? Warum nicht in seinem Vaterlande? Was will er hier? Achmet. Seine Kenntnisse erweitern und mittheilen. Das Vaterland des Weisen ist überall. Sein Vaterland war un dankbar an ihm ; wir sind es nicht. Ist es Wunder, daß er gern und lange bei uns ist? Mustapha. Hat er Zenidens Gatten glücklicher gemacht ? Achmet. Ja, ja! denn ich liebe sie täglich mehr. 16 Mustapha. Unb doch trauert Ihr täglich mehr? Achmet. Meine Schuld ist es. Mustapha. Nein. Ich sage Nein! Achmet. Wessen denn? Zenidens Schuld ist es nicht. Mustapha. Ich spreche sie nicht ganz frei. So wie sie jetzt ist, habe ich sie nicht gebildet. Sie gefällt mir nicht. -Euer beider Unglück ist der Franke. Achmet. Hört mich an. Er reiste hier durch, ward krank, ich pflegte seiner, gewann ihn lieb, er uns. Ich bin sein Wohl thäter, er der meine. Er nahm mir die Rauheit unserer Sitten. Mustapha. Wie lange wird er dir noch unsern Edetmuth lassen? Achmet. Er gab mir sanftere Gefühle, meinem Blicke einen weitern Kreis. Kann ich ein Glück, ein Gut besitzen, daß ich nicht mit Zeniden theile? Ihr gab ich diesen Lehrer, diesen Freund, daß gleiche Begriffe und Gefühle unser Leben erhöhen. Es ist gelungen, und nun -Mustapha. Schuf der undankbare Franke aus deiner Gattin deine Beherrscherin, aus einem sanft herrschenden, liebenden Gatten einen traurenden Sklaven'. Achmet. Vater! Mustapha. Warum that er das? -Achmetich liebe Euch als Sohn , ich ehre Euch -ich sehe jetzt nur Euer Glück, ich achte es nicht, wenn ich meiner Tochter auch weh thue -denn ich sehe Euch zu Grunde gehen, und will Euch retten, es koste was es wolle. Jetzt will ich sagen was millange auf dem Herzen gelegen hat. (Er faßt seine Hand.) Hat der Fremdling in Zenidens Herzen einen Sturm erregt -17 wer kann dann ihn wieder legenwer Eure verlorne Ruhe Euch wieder schaffen? Ich warne Euch, Bassa! (Geht ab.) Achmet. Wie war das? Sollteer-Nein, nein, er ist dessen unfähig. -Ach, wie mag ich auch nur einen Augen blick dabei stehen bleiben! Gutmüthige Besorgniß des Vaters und Argwohn des Atters ist esweiter nichts.
doi:10.1515/9783112427286-fm fatcat:mzhmdoqmlfdapfdiijqpl525sy