Eine neue Narkosenmethode

J. Geppert
1899 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
Unsere jetzigen Narkotisirungsmethoden haben den wohl allgemein anerkannten Fehler, dass die Dosirung des Chloroforms, Aethers etc. grosse Schwierigkeiten macht und ganz der Schätzung des Narkotisirenden überlassen ist. In Folge dessen hat bereits vor etwa 15 Jahren P. Bert1) den Versuch gemacht, sich von der Unsicherheit dieses Verfahrens zu emanzipiren und Apparate zu construiren, die die Dosirung übernähmen. Dreser2) hat dann Bert 's Methoden weiter geführt und zu einer grossen Exactheit
more » ... ossen Exactheit durchgebildet. Aber trotzdem haben diese Bestrebungen in der praktischen Medicin keinen Anklang gefunden. Schuld daran ist unzweifelhaft das Prinzip, von dem Bert und Dreser ausgingen. Sie stellten in einem Gasometer eine Mischung von Luft mit Chloroformdampf her, verbanden sein Inneres durch einen Schlauch thit einer Maske, die luftdicht schliessend auf das Gesicht gelegt wurde, und liessen so den Patienten ausschliesslich die Luft athmen, die sich im Gasometer befand. Sie enthält nur gerade so viel Chloroformdamnpf, als zur Narkose nöthig ist. Die Klinik hat offenbar aus zwei Gründen den Apparat nicht acceptirt: Erstens fürchtete man für die Freiheit der Athmung, und dann war die Art und Weise, wie im Gasometer fortwährend das Gemisch von Luft mit Chloroformdarnpf hergestellt wurde, etwas complicirt und forderte immer einen eigenen, darauf geschulten Assistenten. ln Folge einer Anregung von Herrn Geh. Rath Binz habe ich mich zuerst eingehend mit der Maskennarkose beschäftigt; doch ist es mir nicht gelungen, dabei etwas Exactes und doch praktisch ') Journal de Pharmacie et de Chimie, 5. Série, Bd. VIII, p. 103, und Comptes rendus hebdomadaires des séances de l'académie des sciences 1885, p. 1528. 2) Sitzungsbericht der Niederrheinischen Gesellschaft 1894 (aus dem Pharmakologischen Institut zu Bonn), ferner die unter D r e s e r gearbeiteten Dissertationen: P. Schlichthaar, Ueber einen neuen Narkosenapparat, Bonn 1895, und W. Hennicke, Vergleichende Untersuchungen fiber die Gefährlichkeit der gebräuchlichen Inhalationsanästhetica, Bonn 1895. XXV. Jahrgang. INHALT. der öffentlichen Auswiirtige Correspondenzen: Pariser Brief. Von Dr. Schober in Paris. Oeffentiiehes Sanititswescn: Statistischer Beitrag ffir die hygienische Nothwendigkeit einer durchgreifenden Fleischschau. Von Generaloberarzt Dr. Villaret in Frankfurt a. M. (Schluss.) Militiirsanitiitsweseii: Lei sti k ow, Ernährungsversuche im Manöver 1898. -Rittershausen, Zur Frage der Fussgeschwulst. -Vitaliani, Ueber die Behandlung der Druckblase auf dem Marsche. Tropenliygiene: D Sub 1er, Tropenhygiene. -Be y fuss, Tropenmalaria und Acclimatisation. Krankenpflege: Ein neuer Krankenheber. Von Dr. Mandowski in Greiz. -Glas für eisgekühlte Getränke. Von Dr. E. Aron in Berlin. Kleine Mittheilungen. Brauchbares heraus zu bekommen. Alsdann versuchte ich die B e r t -D r e s e r 'sehe Methode umzuformen, construirte dafür einen automatischen Apparat etc., aber über die Schwierigkeit, dass der Mensch nur diejenige Luft athmen soll, welche der Gasometer erzeugt, bin ich nicht hinweg gekommen, oder richtiger gesagt, die Lösungen, die ich fand, erwiesen sich als praktisch undurchführbar. Aber meine Versuche mit der Maske wiesen mir einen anderen Weg, wie sich vermittels eines Apparates doch eine Dosirung erzielen lässt, ohne die Freiheit der Athmung zu beeinträchtigen. Meine Ueberlegung war folgende: Die Unsicherheiten des Maskenverfahrens haben zwei Ursachen: Erstens ist es sehr schwierig, genau die aufzutropfenden Chloroformrnengen abzumessen, und zweitens ist die Verdampfung auf der Maske ein von Zufälligkeiten abhängiger Vorgang, bei dem namentlich die Oberfläche, liber die sich die Flüssigkeit ausbreitet, eine Rolle spielt. Daher hat man die Dampfmengen, die sich von der Maske entwickeln, nicht in der Hand. Aber der Methode liegt ein Prinzip zu Grunde, das einer exacten Ausbildung fähig ist: Von den befeuchteten Stellen der Maske fällt eine Luft, die viel Chloroformdampf aufgenommen hat. Sie erreicht die für Narkosezwecke nöthige Verdünnung erst durch Mischung mit der übrigen Athmungsluft. Wenn es nun gelingt, Luft von hohem, bekanntem Chloroformgehalt in scharf regulirbaren Mengen in die Athmung einzuführen, so ist auf diesem Wege das Problem der Dosirung gelöst. Die Grundzüge des Verfahrens stellen sich demnach folgendermaassen: Ein automatisch wirkender Apparat liefert eine Luft von hohem, genau bestimmtem Gehalt an Chloroformdampf. Sie wird durch einen Schlauch in die Maske oder in den geöffneten Mund eingeführt: Ein Hahn regulirt die zufliessenden Mengen. Auf ihm ist verzeichnet, wie viel Chloroform (in Dampfform) pro Minute bei jeder Stellung durchfliesst. Der Unterschied gegen P. Bert's Verfahren ist evident. Denn er stellt eine Luft von so niedrigem Chloroformgehalt dar, dass nur diese geathmet werden darf; und das zwang ihn dazu, die anschliessende Maske zu verwenden und sehr grosse Quantitäten des Gemisches herzustellen. Ich führe eine so concentrirte Mischung ein, dass die Verdünnung durch die freie Athmung Bedingung ist, und brauche nur relativ geringe Mengen des Gemisches.1)
doi:10.1055/s-0029-1200358 fatcat:bgi7oiqksfhnnhii24bxdo742y