Ueber die Bedeutung des sogenannten Ovarialoder Iliacalschmerzes bei Hysterischen

Leopold Landan
1884 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
Q uälende Schmerzempfindungen an den verschiedensten Körpersteilen, vornehmlich im Bereiche der Genitalien und deren Umgebung, charakterisiren vorzüglich die " Hysterie " . Aus diagnostischeii und therapeutischen Rücksichten beansprucht die De utung und Localisation der Schmerzen unsere gana besondere Aufmerksamkeit, ist aber im Bereiche der weiblichen Genitalien darum mit besondereti Schwierigkeiten verbunden, weil eine grosse Zahl von coiicurrireuden Organerkrankungen (Lageveränderungen . des
more » ... veränderungen . des Uterus, Entzündungen der Gebärmutter und ihrer Aduexe) mit ähnlichen Sclimerzempfindungen einhergeht, und namentlich von denen, welche die Kunst gut zu palpiren beherrschen, leicht pathologisch-anatomische Veriinderuugen entdeckt werden, die ja nach dem medicinischen Standpunkte der Untersucher leicht für die Quelle der vorliegenden Krankheit aufgefasst werden. Denn es liegt in der Natur der Sache, dass man da, wo über Schmerzen geklagt, leicht pathologische Veränderungen an diesen Stellen als die Ursache der schmerzlichen Empfindungen ansieht, und dann die nämliche Erkrankung auf Grund von Analogieschlüssen überall da annimmt, wo nur eine Uebereinstimmung der Schmerzempfindungen mit den Schinerzempfindungen bei Organerkrankungen cxistirt. Eine Zeit lang hatte der Uterus und sein Hals die Führerrolle in der Pathologie und Therapie der hysterie übernommeu, in unseren Tagen ist das Ovarium an seine Stelle getreten. Wie steht es nun mit der Bedeutung der Schmerzempfiuidurigen in der Ovarialgegeiid und wie verhalten sich diese zu dem Gesammthilde der Hysterie? Seit Piorry undSchuetzenberger den Begriff der Ovarie oder Ovaralgie als eine Bezeichnung für die localen Schmerzempfinduugen in die Pathologie eingeführt haben, ist derselbe nicht mehr aus derselben geschwunden, hat vielmehr durch Charcot eine treffende und bedeutungsvolle Erweiterung insofern erfahren, als dieser aus dem scheinbar regellosen Gesammtbild der Hysterie, das Vorhandensein eines ganz typischen Symptomencomplexes erhob, wel cher darin besteht, dass neben einer circumscripten Sclimerzempfinduug in der Ovarialgegend Anästhesie der betreffenden Körperhälfte, von der Ovarialgegend ausgehende Aura vorhanden ist und die Möglichkeit existirt, Ihysterische Reflexerscheinungen wie hystero-epileptische Kräinpfe oder Sclimerzempfindungen in entfernten Regionen durch plötzlichen oder allmählichen Druck auszulösen oder zu coupiren. Charakteristisch ist ferner das plötzliche und spontane Wanderii dieser Erscheinungen von einer Seite auf die andere. An dem Vorhandensein dieses Symptomencomplexes dürfen nunmehr auch diejenigen nicht zweifeln, weiche ihn nie zu Gesicht bekommen haben, da derselbe mehrfach von den verschiedensten und durchaus zuverlässigen Autoren beobachtet worden ist. Fraglich erscheint es nur, ob die Annahme begründet ist, dass die genannten Erscheinungen vom Ovarium ausgehen, so dass nunmehr eine besondere nicht vom Uterus, sondern vom Ovarium stammende ovarielle Hysterie bewiesen wäre. Gegen die Richtigkeit der Char cot 'scheu Ansicht wurden zwei Gründe geltend gemacht. Zunächst die alte Ansicht Briquet's, welcher den Schmerz in der Ovarialgegend nicht dem Ovarium sondern der Bauchmusculatur, speciell dem M. obliq. jut. eigenthümlich erklärte, und zweitens hob man hervor, dass C har cot die anatomische Lage des Ovarium nicht richtig bezeichnet und bei seiner durch Druck erzeugten "Ovarie" niemals das Ovarium selbst getroffen habe. Es liegt auf der Hand, dass eine Entscheidung über den Ausgangspunkt von Schmerzen eine ausserordentlich schwierig zu treffende ist, da wir wohl Schmerzen an Theilen unserer Hautoberfläche mehr oder minder genau bezeichnen können, völlig aber ausser Stande sind, Schmerzen in der Musculatur oder gar im Innern der Körperhöhlen zu localisiren; Thierexperimente andrerseits in einer Frage, wo es sich um subjective Empfindungen handelt, nur schwer herangezogen werden dürften. Da bot sich Gelegenheit1), mit der Genauigkeit eines Experimentes diese Streitpunkte in einem Falle zu entscheiden, hei welchem das von Charcot gezeichnete Bild der Ovarie in exquisiter Weise sich präsentirte: intensive Schmerzhaftigkeit in der Eierstocksgegend bei vollkommener Anästhesie der Seite, zufälligerweise ein Ovarialtumor, der als solcher in keinerlei Weise das Kraiikheitsbild beeinflusste. Während vor der Operation gezeigt wurde, dass der Iliacalschmerz kein Muskelschmerz sein konnte, weil man die Muskeln 1) L a n da u und R ema k, Ein Fall von Ovariotomie hei hysterischer I-lelnianästhesie. Klinischer Beitrag zur Ovarie uiid Castrationsfrage. Ztsehrft. f. k!. Medic. Bd. VI. II. a. sammt der Haut stechen, kneifen oder sonst wie reizen konnte, ohne dass die geringste Reaction eintrat, während schon die leiseste Berührung der Eierstocksgeschwulst per vaginam oder rectum und natlirlieli auch durch die Bauchdecken die heftigsteii Schmerzen auslöste, konnte nach der Exstirpation der in keinerlei Beziehung entzündeten oder etwa adhärenten Dermoidcyste in Nichts ein Aufhören des Schmerzes in der Ovarialgegend beobachtet werden. hieraus zu folgern, dass auch eine Hyperästhesie des Ovarium nicht vorliege, wäre thöricht gewesen, weil die Schmerzhaftigkeit des Ovarium unbestreitbar war, sondern es blieb allein der Schluss, dass der Schmerz nicht einer dem Ovarium immanenten Ursache, etwa der zufälliger Weise vorliegenden Organerkrankung zuzuschreiben sei, vielmehr dass hier eine centrale Ursache, speciell eine neuralgisclie Erkrankung der die Generationsdrüsen versorgenden empfindendeii Nerven vorlag. Aus dieser Auffassuiig heraus ist es denn allein erklärlich, dass die nach dem Gesetze der excentrischen Projection nach der Peripherie, hier nach deni Ovarinm verlegte Schmerzempfindung, auch nach der Entfernung derselben constant bleibt, wie bei einer Trigeminusneuralgie die sonst intacten Zähne auch nach ihrer Entfernung schmerzen, wie der Schmerz bei einer Ischias auch nach der Amputation der Extremität anhalten würde. Daraus folgt unmittelbar, dass derjenige, welcher aus Gründen der Schimerzhaftigkeit mit Hyperäthesic u. s. w. Eierstöcke exstirpiren wollte, einen wissenschaftlichen Fehler begeht -eine Erkenntniss, die mich schon vor der Beobachtung dieses so schlagenden Falles abgehalten, die Entfernung path.-anatomisch nicht veränderter schimerzhafter Ovarien bei Hysterischen vorzunehmen. Der zweite Einwand, dass man die Ovarien an der von Charcot bezeichneten Stelle in den meisten Fällen nicht fühlt, ist ein völlig zutreffender, wie das ein jeder mit den Untersuchungsmethoden Vertrauter leicht feststellen kann; indessen ist es dnrchans sicher, dass ein an dieser Stelle ausgeübter Druck nicht mittel-, sondern anmittelbar auf das hyperästhetische Ovarium trifft. Dazu gelingt es in einer grossen Reihe von Fällen überraschend leicht, das normale Ovarium durch birnanuelle Untersuchung völlig abzutasten und ebenso wie in Fälleii pathologischer Vergrösserungen derselben direct zu zeigen, dass Druck die von C h a r c o t geschilderten Erscheinungen auslöst; und iii der Regel pflegt dasOvarium durchaus normal zu sein, wie auch meine Beobachtungen lehrten. Dass in dem oben citirten Fall das Ovariuin vergrössert war, spricht fortiore ratione für die Richtigkeit der Ansicht, dass wir bei der Ovaralgie keinen dem Ovarium immanenten Schmerz vor uns haben, sondern eine Affection der Nerven. Bisher sind wir freilich noch nicht in der Lage, den oder jenen afficirten Nerven namentlich anzugeben; wir vermögen nicht einmal mit Sicherheit auszusagen, ob die sensiblen Nervenfasern des Elerstocks dem cerebrospinalen oder s ympathischen System angehören. Sicher erscheint nur, dass audi gleichzeitig die grösseren Aeste des Piex. lumbal. afficirt sind, etwa der N. genito-crural., ileo-nguinal., ileo-lumbal., wie wir an Schmerzpunkten in der Musculatnr, am Knochen (an der Crista), an den äussern Genitalien erkennen, welche ich in andern Fällen von Ovarie häufig feststellen konnte. Die Art des Schmerzes bei der Ovarie ist sehr charakteristisch und von den entzündlichen Sehmerzempfindungen vom Untersucher leicht zu unterscheiden. Schon Holst hat darauf hingewiesen, dass ein Kranker hei Druck auf eine entzündliclie Partie Schmerz äussert, den Mund verzieht, aber die gedrückte Steile durch ruhige Lage vor weiterem Druck möglichst zu schätzen sucht. Bei der hysterischen Ovarie hingegen maclien die Kranken eigenthümliche zappelnde Bewegungen mit den Extremitäten der gedrückten Seite, rotireu den Körper, kurz benehmen sich in einer ausgesprochen barocken Weise. Bei Männern hat Men del in jüngster Zeit in der Iliacalgegend dieselbe Art von Schmerzen constatiren können, wie bei Frauen, ihn mit diesem Schmerz verglichen und als Muskelschmerz gedeutet. Ob letzteres zutrifft, dürfte schwer zu beweisen sein, vielmehr liegt die Annahme näher, als läge hier eine Hyperästhesie im Bereiche eines oder rnehierer dem I'lex. lumb. angehörigen Nerven za Grunde. Was aber den Vergleich mit den analogen Schmerzen bei hysterischen Männern anlangt, so kann nach den vorstehenden Auseinandersetzungen für diesen Vergleich nur die Generationsdrüse herangezogen werden. In dieser Hinsicht fand ich in der That, dass bei Männerii eine Affectiob zuerst durch Astley Cooper bekannt geworden ist, welche viel Aehnlichkeit mit der Ovarie darbietet, ich meine den sog. irritable testis. Auch hier excessive Hyperästhesie des anatomisch normalen Hodens, die meist zu einer Neuralgie ausartet, e1enso vom Hoden nach dem Epigastrium zu aufsteigende Schmerzen, Uebelkeit, Erbrechen. Hier wie dort hat sich die Auffassung, dass der locale Schmerz eine locale periphere Ursache habe, in der Mehrzahl der Fälle als irrig erwièsen und auch beim irritable testis gewinnt die Anschauung, dass es sich nur um eine Theilerschieinung einer Neui-24. April. DEUTSCHE MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 263 Dieses Dokument wurde zum persönlichen Gebrauch heruntergeladen. 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doi:10.1055/s-0029-1209306 fatcat:sq3b34luh5duff2bp3av7iji7a