Filmliteratur in Deutschland

Daniela Kloock
2007
Warum lesen wir Filmbücher? Eigentlich ein paradoxer Vorgang. Gehen wir doch ins Kino -immer wieder und immer noch! -, um uns gemeinsam mit anderen im abgeschlossenen, weitgehend ungestörten Halbdunkel bewegten audiovisuellen Bildern hinzugeben. Meine erste These lautet: Texttreue bzw. Schriftgelehrsamkeit und Kino-Bildergenuss schließen sich aus. Das Aufregende und Sinnliche am Kino lässt sich in Verschriftlichungen nicht wiedergeben, kann darin nicht erhalten werden oder aufgehoben sein. Die
more » ... fgehoben sein. Die Welt der Audiovisionen und die Welt der Druckbuchstaben sind sich wesensfremd, brauchen einander nicht. Oder nur in begründeten Ausnahmefällen. Nach dem Film schweigt man im besten Fall zufrieden, gesättigt, beglückt und/oder unterhält sich mit Freunden, um in der Regel Gefühle, Eindrücke und Einfälle zu versprachlichen, abzugleichen oder wie es heißt 'auszutauschen'. Verständigung über Filme fi ndet -jenseits der 'Programmierung' durch Filmkritik -über direkte Kommunikationsakte statt, welche nach dem Kinoerlebnis eine weitere Gemeinsamkeit stiften. These zwei: Es gibt kaum Filme, über die nicht jeder meint, sprechen zu können. Zu den in der Regel hoch konventionalisierten stories, deren Bilder und Muster vertraut sind, fällt jedem etwas ein. Somit besteht kein echter Bedarf an zusätzlichen Informationen, an Deutungshilfen. Das heißt, Bücher zu Filmen funktionieren vor allem dann, wenn die Filme unverständlich sind, wie etwa diejenigen von David Lynch oder Stanley Kubrick. Hier, das zeigen die relativ hohen Aufl agen, verkaufen sich Bücher gut. These drei: Vieles, was wir im Kino sehen, ist verfi lmte Literatur und man kauft nicht noch das Buch zum Film, dessen Romanvorlage man vielleicht schon kennt. Zum Harry Potter-Buch noch das Filmbuch? Das macht keinen Sinn. Filmbücher sind häufi g Sekundärliteratur. In diesem entscheidenden Punkt unterscheiden sie sich von Literatur zu Bildender Kunst. Dort will man vor allem die Versprachlichung von etwas Nicht-Sprachlichem, zusätzliche Hinweise, Hintergründe, Erklärungen, einen Erkenntnisgewinn. In der Regel lässt man viel Geld an der Kasse und schleppt die schweren Katalog-Bücher klaglos nach Hause. Auch möchte man die Bilder aus der Ausstellung im Privaten 'haben', nicht aber die aus dem Kino. Warum? Geht es beim Filmeschauen vielleicht nicht um Bilder, sondern um einen höchst subjektiven Blick, der in keinem Buch eingefangen ist? Um meine eigenen Ein-bildungen? Funktionieren somit Bücher als Medien der Erinnerung bei Filmen nicht? Oder sind es einfach zu viele Bilder, selbst produzierte und vorgefundene, die sich vermischen? Verwehren sich kinematografi sche Bilder genuin einer Verdinglichung? Wollen sie eben genau das nicht sein, was das (fotografi sche) Bild per se ist, nämlich ein An(ge)denken? Wäre dem so,
doi:10.17192/ep2007.1.855 fatcat:juiet7rwn5aljf4q2wykwfbl74