Jaworski, Rudolf / Loew, Peter Oliver / Pletzing, Christian (Hgg.): Der genormte Blick aufs Fremde. Reiseführer in und über Ostmitteleuropa

Steffen Höhne
2016
Harrassowitz, Wiesbaden 2011, 290 S. und 33 Abb. (Veröffentlichungen des Deutschen Polen-Instituts 28), ISBN 978 -3 -447 -06271 -8. Reiseführer, das heben die Herausgeber gleich zu Beginn hervor, bilden eine wichtige, gleichwohl lange vernachlässigte Textquelle, die eine Reihe von wertvollen Beobachtungsfeldern wie Kulturtransfer, Fragen kultureller Eigen-und Fremdwahrnehmung, Wirksamkeit populärer Geschichtsbilder eröffnet, die aber auch Informationen über den Wandel von Reisegewohnheiten und
more » ... segewohnheiten und die wechselnde Attraktivität von Reisezielen vermitteln kann. Natürlich dürfen Reiseführer nicht im Hinblick auf faktografische Erkenntnis gelesen werden, sie vermitteln aber einen Einblick in Einstellungen zu und Wahrnehmungen von "fremden" Kulturen. Nimmt man dann noch einen vergleichenden Standpunkt ein, wie es für multiethnische Regionen unabdingbar erscheint, betrachtet also das zu bereisende Gebiet aus der Perspektive unterschiedlicher nationalkultureller Traditionen, Sprachen, Zeiträume, so wird man unweigerlich auf höchst unterschiedliche Aneignungs-und Symbolisierungsprozesse stoßen, aus denen sich Erkenntnisse über Aspekte interkultureller Wahrnehmung zu einer bestimmten Zeit ableiten lassen. Reiseführer sind zunächst einmal sehr erfolgreiche Textsorten, wenngleich nicht so lukrativ für die Autoren, wie es sich Franz Kafka und Max Brod erträumten, als sie 1911 in Lugano die Idee einer preiswerten Reiseführerreihe entwickelten und diese als "Millionenplan «Billig»" apostrophierten. Der aktuelle Buchmarkt differenziert allerdings zwischen Individual-, Kompakt-und Spezialreiseführern sowie Generalisten und Magazinen, so der Verlagslektor Hinnerk Dreppenstedt in seinem Beitrag (Der Reiseführer als Produkt auf einem hart umkämpften Markt. Überlegungen eines Lektors, S. 261-277). Reiseführer als standardisierte Textsorte eröffnen somit Perspektiven auf bestimmte (kultur-)historische Inhalte, Ereignisse und Persönlichkeiten und deren jeweilige Bewertung und Vereinnahmung, sei es durch explizite Darstellung oder ebenso durch Verschweigen bzw. Negieren. Reiseführer sind also Teil eines auf der Alltagsebene angesiedelten Diskurses um (populär)historische, literarische, kulturelle Kanonisierungsprozesse, sie konstruieren und konstituieren einen Kanon des vermeintlich Sehenswerten, so Nicolai Scherle in seinem Beitrag "Nichts Fremdes ist mir fremd. Reiseführer im Kontext von Raum und der systemimmanenten Dialektik des Verständnisses von Eigenem und Fremdem" (S. 53-70). Dabei ist die Beschäftigung mit Reiseführern nicht ohne praktische Schwierigkeiten, handelt es sich bei ihnen doch um eine gegenwartsbezogene Gebrauchsliteratur, die zu jener grauen Literatur gerechnet wird, die in wissenschaftlichen Bibliotheken nur fallweise gesammelt wird und in anderen Bibliotheken höchstens Bohemia 52 (2012) 1, 161-223
doi:10.18447/boz-2012-3760 fatcat:zjszdxckqnbipbdnqmrkx7sfdm