Ergebnisse der empirischen Forschung [chapter]

2011 Amok: School Shooting und zielgerichtete Gewalt  
Schon in der Phase des Vorschulalters können Kinder ein schwieriges Temperament, Hyperaktivität, offene Aggression, oppositionell-aufsässiges Verhalten, defizitäre Sozialbeziehungen und Lernstörungen zeigen. In der Phase des Jugendalters entwickeln sie dann verdeckte Störungen des Sozialverhaltens, geraten in Gruppen dissozialer Jugendlicher, neigen zu Delinquenz und können eine antisoziale Persönlichkeit entwickeln. Bei den Klassifikationsschemata ICD-10 und das DSM-IV-TR handelt es sich um
more » ... ndelt es sich um eine "kategoriale Diagnostik" im Gegensatz zu einer "dimensionalen Diagnostik" wie Autismus-Spektrum-Störung mit fließenden Übergängen. Dadurch können subklinische Ausprägungen und Normvarianten besser erfasst werden. Mit Hilfe des CBCL-Fragebogens (Elternfragebogen über das Verhalten von Kindern und Jugendlichen [CBCL/4-18]) werden zwei Dimensionen erfasst: 5.1 Die sieben W-Fragen � 5.1 Die sieben W-Fragen � Cybermobbing muss wahrgenommen und unterbunden werden. Modell der psychologischen Autopsie bei retrograder Betrachtung Um die destruktiven Fantasien von Amokläufern zu rekonstruieren, stützen sich Forscher auf Tagebucheinträge, Zeichnungen, Aufsätze oder andere kreative Auseinandersetzungen der Jugendlichen mit ihrer Innenwelt und Außenwelt. Katz (zit. nach Robertz 2004) beschäftigte sich in den USA intensiv mit Gewaltfantasien von Straftätern und beschreibt in seinem Buch "Verführungen des Verbrechens" den Typus des "selbstgerechten Gemetzels" (righteous slaughter). Die Absicht zum mörderischen Handeln entspringt dann oft dem intensiven Willen, seine eigene Vorstellung von "allumfassender Gerechtigkeit" durchzusetzen, gerade weil der Täter glaubt, sehr viel Ungerechtigkeit erfahren zu haben. Rationale "Kosten-Nutzen-Überlegungen" sind ab einem bestimmten Punkt nicht mehr möglich und werden schließlich über Bord geworfen. Robertz (2004) ist der Meinung, dass manche Amokläufer einen "Mythos" um sich aufbauen und als "Antihelden" in die Geschichte eingehen wollen: Wäre er erst in YouTube, sei er "unsterblich" und könne "posthum noch eine Fan-Gemeinde um sich scharen". Für die Äußerungen von Harris und Klebold benutzt Katz (s. Robertz 2004) die Kategorie des "Ur-Bösen" (primordial evil), da die Täter ihr Selbstbild an einer klassischen "Gottheit" orientieren, die nicht geliebt, sondern gefürchtet werden will. Nach Katz lebten Klebold und Harris in einer Fantasie-und Parallelwelt und entzogen sich jeglicher Kontrolle ihres sozialen Umfelds. Am Ende demonstrierten sie ihre "Allmacht", indem sie sich zu "Herren über Leben und Tod" aufschwangen. So schrieb Klebold ein Jahr vor dem Massaker in das Schuljahrbuch: "Meine Rache wird die eines Gottes sein". Diese Fantasien sind nach Meinung von Katz das Ergebnis eines mehrjährigen Prozesses und haben die Täter mit der Zeit so sehr vereinnahmt, dass ihre obsessiven und zwanghaften Gedankenspiele immer mehr zu destruktiven "Attraktoren" wurden, die schließlich in die Tat umgesetzt wurden. Gaertner (2009) schreibt in seinem Buch "Ich bin voller Hass -und das liebe ich" über das Massaker an der Columbine-Highschool, Harris und Klebold seien zum Schluss nicht mehr für andere Menschen erreichbar gewesen, weil sie sich zu verstellen gelernt hatten. Ihren Hass wie ihre Liebe hätten sie für sich behalten, und ihre Gedanken allein Notizbüchern und Computerdateien anvertraut. Sie speicherten alles auf Videos und stellten sie ins Internet. Harris schwelgte in seinen Aufzeichnungen immer wieder in "Allmachtsfantasien", wenn er auf "Schwarze, Ladinos und Behinderte" schimpfte, "Nazi-Sprüche" klopfte und/oder sich mit der Ausrottung der gesamten Menschheit beschäftigte. ! 28 5 Ergebnisse der empirischen Forschung 5 Ergebnisse der empirischen Forschung Bei der Durchsicht der Dokumente hatte Gaertner jedoch nie den Eindruck, es mit "Monstern" zu tun zu haben. In der Öffentlichkeit gibt es jedoch immer noch Vorstellungen -oft medial bedingt -virulent, dass die Täter "verrückt" waren und an einer Wahnerkrankung oder Psychose litten oder dass die Täter aus einer "kaputten Familie" kamen. Leaking und Früherkennung bei drohender Tat Früherkennung und Gefährdungsanalyse nutzen das Phänomen des "Leaking", d.h. dem Durchsickern von Gewaltfantasien oder dem Bekanntwerden der Planung eines Amoklaufs. Oft werden im Chat schon Hinweise für eine Tat gegeben. Wenn das "Abtauchen" in die Fantasiewelt und in die virtuelle Welt immer wichtiger wird, vernachlässigen die potenziellen Amokläufer ihre Beziehungen zu ihrer Umwelt immer mehr. Um aber sicherzugehen, dass ihre anonymen Nachrichten auch an die Welt ankommen, senden potenzielle Amokläufer und School Shooter oft noch kurz vor ihrer Tat Nachrichten an Mitschüler und an die Presse oder stellen die Inhalte ihrer Fantasien ins Netz. Nach den Vorstellungen potenzieller Täter darf die Ausführung der Tat nicht in beliebiger Weise stattfinden, sonder muss exakt ihrer individuell ausgestalteten Fantasie entsprechen. So schickte Cho S. ein ganzes Paket mit selbst gedrehten Videos, Fotos sowie ein mehrseitiges Schreiben an den Fernsehsender NBC. Sebastian B. versandte sein Tagebuch an mehrere Schulkameraden und schrieb in seinem Abschiedsbrief: "Weil ich weiß, dass die 'Fascholizei' meine Videos, Schulhefte, Tagebücher, einfach alles, nicht veröffentlichen will, habe ich das selbst in die Hand genommen". Bemerken Lehrer, Eltern oder Schulkameraden, dass sich ein Schüler intensiv destruktiven Fantasien hingibt und seine sozialen Kontakte vernachlässigt, sollten sie mit Hilfe eines geschulten Krisenteams entscheiden, wie ernst dies zu nehmen ist. Dazu gehören vor allem Lehrer, schulpsychologischer Dienst und Polizei. Sie müssen einschätzen, ob es sich um vorübergehende pubertäre Vorstellungen, Wichtigtuerei oder um Fantasien handelt, die tatsächlich umgesetzt werden sollen. Dies erfährt ein Krisenteam durch Gespräche mit dem betroffenen Schüler, seinen Angehörigen und mit Klassenkameraden. Außerdem ist abzuklären, ob der Jugendliche Zugang zu Waffen hat. Ermittlung des aktuellen psychischen Zustands potenzieller Täter Bei der Ermittlung des aktuellen psychischen Zustands eines problematischen Kindes oder Jugendlichen ist in Erfahrung zu bringen, ob sie in jüngster Zeit gravierende Kränkungen oder Verluste erlitten. So sprach Sebastian B., Emsdetten, von seiner "Schule als seinem meist gehassten Ort". Dort erfuhr er seine 29 5.2 Ermittlung des aktuellen psychischen Zustands potenzieller Täter
doi:10.32745/9783954660247-5 fatcat:ihgkgdjsqbhfldr3ybc52cyra4