Aber die Bibel war doch dieselbe? : Bibelauslegung und Bibelgebrauch im westdeutschen Protestantismus [article]

Wilhelm Gräb, Universitaet Tuebingen
2019
Bibelauslegung und Bibelgebrauch im westdeutschen Protestantismus Natürlich war die Bibel hüben und drüben dieselbe. Aber eines ist das Bibelbuch, ein anderes sein Vorkommen und Ankommen bei den Menschen. Die Bibel, die im häuslichen Bücherregal steht, sie ist nicht einmal äußerlich betrach tet dieselbe. Mit ihrem Erscheinungsjahr, ih rem Einband erzählt sie zumeist eine Ge schichte. Vielleicht ist sie von den Eltern oder Großeltern ererbt. Vielleicht ist es eine Familienbibel, die über
more » ... l, die über Generationen hin weg die Zugehörigkeit zum Christentum aus drückt. Auch wenn sie selten nur, am Heili gen Abend vielleicht, in der Familie aufge schlagen, oder so gut wie gar nicht mehr ge lesen wird -sie steht im Bücherregal und do kumentiert wie die anderen Bücher, die dort stehen, das Einbezogensein in eine be stimmte kulturelle Tradition. Ja, im Unter schied zu den anderen Büchern, die dort ste hen, symbolisiert die Bibel das Einbezogen sein in einen umgreifenden Sinnhorizont für die gemeinsam geteilte Lebenswelt. Deshalb darf sie nicht fehlen. Deshalb soll sie ein be sonders schönes Buch sein. Kostspielig soll ihre Aufmachung erscheinen, auch dann, wenn sie über eine Handelskette, die anson sten Kaffee verkauft, als günstiges Angebot in der Weihnachtszeit erworben worden ist. Rein äußerlich betrachtet, erst recht jedoch bei näherem Zusehen, ist die Bibel, die im "' Die beiden Beiträge in diesem Kapitel sind für eine Tagung der Mecklenburgischen Evangelischen Aka demie verfaßt worden, die für Juni 1993 geplant war, jedoch nicht stattfand. 21 Regal steht, nie dieselbe. Es gilt nur, auf die Geschichte, die sie erzählt, zu hören. Viel� leicht war sie das Geschenk der Kirche an läßlich der eigenen Hochzeit, der Taufe oder der Konfirmation eines der Kinder. So erin nert sie an Phasen, Einschnitte in der eige nen Lebensgeschichte. Schlägt man sie auf, so ist der Trau-, Tauf-oder Konfirmations spruch auf der ersten Seite in sie eingetra gen. Wer weiß, wozu es gut ist, sie im Haus zu haben. Etwa wenn der Pfarrer seinen Be such angemeldet hat, um das Vorgespräch anläßlich der Beerdigung der Großmutter zu führen. Welcher Bibelvers soll der Beerdi gungsansprache zugrundeliegen? Vielleicht der Trauspruch, den die Großmutter seiner zeit bekommen hat. Da wird die Bibel aus dem Regal geholt, auf geschlagen, nach dem Spruch gesucht, der ihr Leben als von Gott begleitetes Leben zu verstehen gibt. Das andeutend auf diese Weise beschreib bare Vorkommen der Bibel in den Familien haushalten Westdeutschlands läßt sich als Ausdruck des Sachverhalts lesen, daß es sich hier immer noch um volkskirchliche Verhältnisse, um die Situation eines kultu rell akzeptierten Christentums handelt Nach der Repräsentativbefragung von Daiber/Lu katis ( 1981) sind es nur etwa 30% der Prote stanten, die nicht genau wissen, ob sich eine Bibel in ihrem Haushalt befindet, oder es verneinen. Weit über die Hälfte also derer, die zur evangelischen Kirche gehören, besit zen nicht nur eine Bibel, sie wissen auch darum. Und so reflektiert sich für sie mit der
doi:10.15496/publikation-36913 fatcat:ut4ubfgjsjawzmaz3zpe3xsvtu