Politisiert ist immer die Kriminologie der Anderen

Aldo Legnaro
2019
Man kennt diesen Gestus inzwischen, der suggeriert, nun würden endlich bisher unterdrückte Wahrheiten unerschrocken ausgesprochen. So wirbt das rückwärtige Cover des Buches mit der zusammenfassenden Feststellung, es werde hier politisierte Kriminologie dokumentiert "als ein aller Wissenschaftlichkeit enthobener Umdeutungs-, Verharmlosungs-und Vertuschungs-Betrieb." Schon daraus lernen wir, dass es offenbar eine politisierte und eine demgegenüber wahre, nicht-politische, ihrem Selbstbild nach
more » ... ektive Kriminologie gibt, als deren Vertreter der Verfasser hier auftritt. Das vordere Cover wiederum ziert das Foto eines Polizisten der Londoner Metropolitan Police, dessen behelmter Kopf erschöpft und resigniert auf die verschränkten Hände gesunken ist (aufgenommen nach den Londoner Bombenanschlägen im Juli 2005) -das soll vermutlich die Hilflosigkeit und Überforderung der Polizei gegenüber gesellschaftlichen Zuständen illustrieren. So ist man denn eingestimmt auf sechzehn zwischen 2005 und 2018 entstandene Aufsätze, die der Autor, mehr als dreißig Jahre in der Kriminologischen Zentralstelle Wiesbaden mit dem Aufbau und der Pflege einer einschlägigen Literaturdatenbank betraut, großenteils bereits in kleinen Fachzeitschriften der Polizei und der Bewährungshilfe veröffentlicht hat. Da im Mittelpunkt seiner Arbeit Fachliteratur als solche stand, setzen die hier versammelten Aufsätze sich oft kritisch kommentierend mit anderen Aufsätzen auseinander, behandeln eine Vielzahl von Themen und können hier nur in Auswahl besprochen werden. Seinen Blickwinkel verdeutlicht der Autor in der Einleitung, in der er beklagt, dass "nach amerikanischem Vorbild Kriminologie als Sozialwissenschaft" (S. 9) definiert worden sei, wodurch die Vertreter "einer ehemals in weiten Teilen konservativ gestimmten und anthropologisch offenen Kriminologie" (S. 10) auf verlorenem Posten gestanden hätten. Als Protagonisten des Paradigmenwechsels macht Sohn Christian Pfeiffer, Frieder Dünkel und Monika Frommel aus -merkwürdigerweise findet Fritz Sack keine Erwähnung, dem aus dieser Sicht doch auch einige Seitenhiebe zukommen sollten... Wohin das alles geführt hat, verdeutlicht er mit der Bemerkung, "die kulturmarxistische Färbung" selbstverständlich gewordener "«Fachbegriffe»"erwähnt sind Masseninhaftierung und Kriminalisierung (S. 14) -werde kaum wahrgenommen. Schön, diesem Kampfbegriff aus dem Repertoire der neuen Rechten an so früher Stelle zu begegnen, das kontextuiert das Folgende. Sohn zählt sich selbst natürlich zum Fähnlein jener Aufrechten, die als tapfere Einzelkämpfer für "Konsensstörungen" (S. 7) sorgen und -in Aneignung eines 68er-Gestus unter anderem Vorzeichen -durch eine "gewisse antiautoritäre Grundhaltung" (S. 14) befähigt sind, den ideologischen Gehalt solcher Begrifflichkeiten zu durchschauen. Ob ein 2005 für das Bundesjustizministerium entstandener Forschungsbericht über Maßnahmen zur Bekämpfung des Rechtsextremismus heute noch lesenswert ist, sei dahingestellt.
doi:10.18716/ojs/krimoj/2019.1.7 fatcat:mvrofzpgjngsrahdocee3wwrnm