Letale Epityphlitis als Folge eines Streitschusses

Fritz Colley
1915 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
Es ist zu ertaunIich, wieviele sogenannte Blinddarmreizungen uns bei verwundeten und erkrankten Kriegern durch die Finger gegangen sind. Bei unserer besonderen Lage unmittelbar hinter der fechtenden i) Daß eine Schußwunde nicht tamponiert werden darf, nebenbei! DEUTSCHE MEDJZINISCUE WOCHENSOHRIFT. 43 Front ist es aus verschiedenen Crunden nicht opportun, hier jedesmal operativ einzugreifen, wenn es sonst wunschenswert wäre. Die große Mehrzahl müssen wir weiter ins Land hineinsehicken, in
more » ... sehicken, in Reservelazarette, die unter ruhigeren Bedingungen arbeitcis, as wir es tun. Nur diejenigen Fälle haben wir operiert, hei denen die Indicatin vitalis uns dazu zwang. Tieher diese Erkrankungen und ihren Zusammenhang mit den Kriegsstrapaaen und Verwundungen wird erst in viel spterer Zeit ein absehließendes Urteil gefällt werden können; daß hier aber direkte ursitehliche Beziehungen vorliegen, ist uns schon heute unzweifelhaft. Einen einzigen in diagnostischer Hinsieht besonders auffallenden Fall will ich schon jetzt mit kurzen Worten mitteilen, da ich der Ansicht bin, daß er vielleicht ein Unikum in dem ganzen großen Feldzuge bleiben wird: Ein 24jishriger Unteroffizier der Reserve, der sich vordem in jeder Beziehuiig gesund gefühlt hatte, bekam einen Schuß in die rechte Seite, sturste, wurde verbunden und schwer verletzt in das nahe Insterburger Reservelazarett abtransportiert. Hier wurde im sechsten und siebenten Zwischenrippenraum, und zwar in der vorderen Axillarlinie, je eine erbsengroße, mit frischem Blut bedeckte kleine Wundofinung festgestellt ; der Leib war aufgetrieben, die Lebergegerid auf leisesten I)ruck ganz außerordentlich schmerzhaft ; es bestand unstillbares Erbrechen neben qualendem Durst ; der Puls war klein, fadenformig, kaum zu fühlen, sehr leicht unterdrückbar; die Zunge war trocken, die Temperatur hoch febril. Ein Bauchschuß lag vor mit Verletzung von Eingeweiden und folgender fortgeschrittener eitriger Peritonitis. Die Zuführung von Flüssigkeit erfolgte tropfenweise iier Klisma, daneben wurde subkutan Morphium gegeben. Die Prognose war von vornherein sehr ernst; zuerst schien es, als wollte sieh die ualitit des Pulses etwas heben, doch trat fun! Tage nach der Verwundung der Tod ein unter allgemeinen schweren peritonitiachen Erscheinungen. Der Fall war uns nicht recht klar geworden. Unmittelbøx ubereinander, nur durch eine Rippe getrennt, fanden sieh zwei Schußverletzungen, die wir beide als Einschüsse ansprechen mußten, bei jeglicheni Fehlen eines Ausschusses. Daß der Verwundete nur von einer Verletzung wußte, fiel nicht weiter ins Gewicht; wir finden taglich Soldaten, die von verschiedenen Geschossen getroffen sind und nur e in e Verletzung zu haben glauben ; die Hitze des Gefechtes läßt die Leute nicht auf sich achten. Daß aber bei unserem Falle beide Male der Ausschuß fehlte, erschien auffallend. Zur Klärung wurde die Sektion gemacht; hierbei ließ sich Folgendes festste1len: Die beiden Schußverletzungen hatten die Bauchwand garnicht durchschlagen; es handelte sich um oberflitchliche Streifschüsse, wie sie sehr wohl durch ein G& schoß hervorgebracht werden können. Dementsprechend lag keine Spur einer Verletzung innerer Organe vor. Die diffuse eitrige Peritonitis hatte ihren Ursprung in einer brandigen Epityphiitis. Der
doi:10.1055/s-0029-1190890 fatcat:4dlxatyrhfbrbk32d452vc2yum