Gesellschaftliche Integrationsprobleme im Spiegel soziologischer Gegenwartsdiagnosen [article]

Uwe Schimank, Universität Bremen
2021
im Spiegel soziologischer Gegenwartsdiagnosen Von Beginn an hat die Soziologie immer auch zeitdiagnostisch gearbeitet. Sie entstand im 19. Jahrhundert, als sich die charakteristischen Strukturen der Moderne unübersehbar in allen gesellschaftlichen Bereichen herausbildeten. Die damals drängende Frage, wie es mit der modernen Gesellschaft weitergehen würde, beschäftigt uns heute, zu Beginn des 21. Jahrhunderts, nicht minder. Im Vordergrund stehen dabei, heute wie damals, Befürchtungen.
more » ... Katastrophen, mit immer zerstörerischeren Waffen geführte Kriege, um sich greifende soziale Entwurzelung und ein immer rücksichtsloserer Egoismus: Das sind einige Stichworte für den sorgenvollen Blick auf die Zukunft der heutigen Gesellschaft. Daneben artikulieren soziologische Zeitdiagnosen auch Zukunftshoffnungen -wenn auch deutlich seltener als Befürchtungen. So wird heute neben den Risiken der Individualisierung auch auf die Chancen verwiesen, die dieser Vorgang den einzelnen Gesellschaftsmitgliedern eröffnet; und ebenso wird der mit vielen Ängsten begleiteten "Globalisierung" dennoch auch manches Positive abzugewinnen versucht. Soziologische Zeitdiagnosen sind Lesarten des Heute und Morgen. Trotz aller empirischen und theoretischen Unzulänglichkeiten 1 wird so ein wichtiger Beitrag zur "soziologischen Aufklärung" der modernen Gesellschaft über sich selbst geleistet. Tatsache ist ja, dass ganz verschiedene Arten von Beobachtern der gesellschaftlichen Zustände Zeitdiagnosen erstellen. Literaten, Philosophen, Politiker, Priester, Journalisten und Sozialwissenschaftler -darunter dann auch Soziologen -versuchen sich daran. Nicht nur, dass die Soziologie hier kein Deutungsmonopol besitzt: Sie ist die meiste Zeit nicht einmal die lauteste Stimme im Chor derer, die den Puls der Zeit zu fühlen versuchen. Mehr noch: Die Soziologie spricht in zeitdiagnostischen Fragen keineswegs mit einer Stimme. An dieser Thematik erweist sich vielmehr die auch ansonsten immer schon teils negativ, teils auch positiv herausgestellte Multiperspektivität des Faches. Damit 1 Die unter anderem Walter Reese-Schäfer (1996) und Hans-Peter Müller (1997) resümieren.
doi:10.26092/elib/956 fatcat:bvocjpi4hvdq5odmixuikctuhy