Kursus der urologischen diagnostischen und therapeutischen Technik. III. Technik und Verwertung der Harnuntersuchung

L. Casper
1922 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
welch eminenter Bedeutung der ham als Ausscheidungsprodukt des Organismus für die Erkennung vieler Krankheiten ist, war schon im grauen Altertum bekannt. Ich erinnere an die berühmten Bilder der 1-holländer, deren eines den Arzt darstellt, wie er den Ham des Kranken beschaut. Datan hat sich noch heute nichts geändert, es gibt noch heute für die Diagnose nichts Wichtigeres als eine genaue Untersuchung des 1-lames des Kranken. Trotzdem wird sie mit Ausnahme der Zucker-und Albumenuntersuchung
more » ... enuntersuchung nicht so systematisch und korrekt ausgeführt, wie es im Interesse des Kranken geschehen sollte. Das ist um so bedauerlicher, als sich der Arzt damit eines der sichersten und am leichtesten anwendbaren diagnostischen Hilfsmittel beraubt. Wie ich schon in einem früheren Aufsatz (D. m. W. Nr. 43, 1920) ausgeführt habe, muß man sich darüber klar sein, daß der ohne Vorskhtsmaßregeln aufgefangene Ham das Produkt der Niere plus allen Beimengungen darstellt, die sich ihm auf seinem langen Wege von den Nieren bis zum Orificium externum hinzugesehlen. Bei der Fran ist das besonders das in wechselnden Mengen immer vorhandene Sekret der Vagina, bei dem männlichen Individuum alle Sekretionen der juxtaurethralen Drüsen. Nun wollen wir oft aber nur den Nierenharn untersuchen, so z. B., wenn wir die Albumenmenge bestimmen wollen. Sind dem 1-lam aber reichliches Vaginalsekret oder die aus einer überstandenen Oonorrhoe restierenden, in der Urethra oder der Prostata befindlichen Pusmengen beigemischt, so geht das Pus sehr schnell in Lösung über, und das gelöste Protoplasma der Zellen täuscht eine, wenn auch nur geringe, Albuminurie vor, die eine Albuminuria spuria, aber keine vera ist, um deren Feststellung es sich handelte. Daraus folgt, daß wir die Beimengungen zum Nierenhamn für diese Untersuchung ausschalten müssen. Man mache es sich deshalb zur Regel, bei der Frau den Ham stets mit sterilem Katheter zu entnehmen und den Mann in zwei Oläser hamnen zu lassen. Der im ersten Glase aufgefangene Ham stellt dann den Nierenharn plus beigemengten Sekreten dar, der im zweiten Olase befindliche den Nieren-oder Blasenhamn. Diese beiden kann man nicht voneinander trennen. Denn die Sekrete, die immer aus Rundzellen bestehen. werden, sobald sie längere Zeit mit dem Ham in Berührung bleiben, teilweise gelöst. Deshalb wird der Ham, der längere Zeit mit Eiter vermengt geblieben war, trüb aussehen. Dies trifft aber für Eiter, dr aus den Nieren und aus der Blase stammt, zu, während der Eiter, der sich erst beim Urinieren dem Ham beimischt, in Form von Flocken oder Fäden erscheint, es sei denn, daß es sich um profuse Mengen Eiter handelt, die genügen, um sofort eine Trübung des Urins hervorzurufen. Uni bei der Frau die extrarenalen und extravesikalen Beimischungen auszuschalten, nimmt man den zu untersuchenden 1-lam mit einem Katheter ab. Aus den genannten Gründen ist es auch notwendig, den 1-farn f r i s c h zu untersuchen. Steht er längere Zeit, so entstehen Trübungen, die Nubekula, d. s. Schleimwölkchen, bestehend aus Schleim mit Rundzellen durchsetzt, treten auf, die Reaktion ändert sich, Bakterien ge sellen sich dazu. Findet man also diese Dinge bei nicht frischem Ham, so ist eine Aussage, ob sie schon im frischen Ham vorhanden waren oder sich erst gebildet haben, nicht möglich. Nur bei Zucker und bei größeren Mengen Albumen stört dies nicht, handelt es sich also darum, einen von diesen beiden Stoffen zu bestimmen, dann mag man sich den Ham in einer Flasche bringen lassen, wie es bisher allgemein üblich war. Manchmal, wenn es sich um quantitative Untersuchung handelt, ist dies sogar unerläßlich, weil ja die 24stündige Harnmenge gesammelt werden muß. Aber das sind Ausrahmen, sonst gelte die Regel, den Ham mit dem Katheter bzw. in zwei Gläsern aufzufangen und ihn frisch zu untersuchen. Die Untersuchung sei physikalisch, chemisch und mikros k opi sc h. Die physikalisch e Untersuchung bezieht sich auf Menge, Farbe, spezifisches Gewicht, Reaktion und Aussehen des Names. Aus der Farbe ist am wenigsten zu schließen. Abgesehen von pathologischen Beimengungen, auf die wir noch zurückkommen, der Ikterus verratenden braunen Färbung mit gelblichem Schaum, spielt die Konzentration eine große Rolle. Wasserheller Ham kann ebenso normal sein wie braunroter. Auch die Menge des Names ist nur im Zusammenhang mit dem spezifischen Gewicht zu beurteilen. Die 24stündige Hamnmenge eines gesunden erwachsenen Menschen beträgt unter gewöhnlichen Verhältnissen durchschnittlich 1500 cm3. Abnorme Verhältnisse, wie starkes Schwitzen oder starkes Trinken, können nach der einen wie nach der anderen Seite hin große Abweichungen herbeiführen. Pathologisch ist demnach eine vermehrte oder verminderte l-larnmenge erst dann, wenn sie längere Zeit und nicht infolge der genannten Umstände besteht. Das spezifische Gewicht des Harns wird durch die Schwere der im Haro gelösten Bestandteile bedingt. Das durchschnittliche spezifische Gewicht des normalen Names beträgt 1015-1020. Es unterliegt aber großen Schwankungen: je größer die in der Zeiteinheit gelassene Hamnmenge eines Menschen, um so geringer das spezifische Gewicht und vice versa. Man mißt das spezifische Gewicht durch ein Urometer, indem man den dem unteren Meniskus entsprechenden Teilstrich abliest. Die Durchschnittsanalyse für normalen Ham -24stündige Menge von 1500 cm8 -ist folgende: Wasser 1440 g, feste Bestandteile 60 g, davon sind 35 g organische, 25 g unorganische. Dieses Dokument wurde zum persönlichen Gebrauch heruntergeladen. Vervielfältigung nur mit Zustimmung des Verlages.
doi:10.1055/s-0028-1165907 fatcat:y6jrmzop7vcsbizzfpl274bnh4