Die Entwickelung Descartes' von den "Regeln" bis zu den "Meditationen"

Paul Natorp
1897 Archiv für Geschichte der Philosophie  
Die Entwickelung Descartes' von den "Regeln" bis zu den "Meditationen" 1 ). Von Paul Siatorp in Marburg. Die Untersuchungen über die Erkenntnistheorie Descartes 5 , deren Ergebnisse in meiner 1882 veröffentlichten Schrift 2 ) niedergelegt sind, verfolgten nicht die blos historische Absicht, eines der grossen philosophischen Systeme idealistischer Grundrichtung in seiner genau bestimmten Eigenart, seiner zeitlichen Entstehung und seinen zeitlichen Wirkungen darzustellen, sondern es sollten die
more » ... rn es sollten die Gedankengänge des Philosophen in ihren innersten sachlichen Motiven begriffen und selbst über das direct Gesagte hinaus verfolgt werden, damit die Beziehungen klar würden, die seine Philosophie mit der reifsten und vertieftesten Gestalt, die der philosophische Idealismus seitdem erreicht hat, mit dein "kritischen Idealismus" Kants verbinden. Obgleich nun das Buch eben wegen dieser Absicht nicht unbemerkt blieb, so hat man ihm doch meist nicht die Gerechtigkeit widerfahren lassen, es ausschliesslich nach dieser seiner Absicht zu beurteilen, sondern man las es als Geschichte, und fand, dass es als Geschichte *) Die Abhandlung ist in französischer Sprache bereits erschienen in einem, ganz dem Andenken Descartes' (geb. 1596) gewidmeten Hefte der Revue de M&aphysique et de Morale, T. IV p. 416-432. 2 ) Descartes' Erkenntnistheorie. Eine Studie zur Vorgeschichte des Kriticismus. Marburg, Elwert, 1882. Brought to you by | Nanyang Technological University Authenticated Download Date | 6/10/15 7:12 AM Die Entwickelung Descartes' von den "Regeln" etc. nicht befriedige, dass es der Individualitat der Descartes'schen Phttosophie nicht gerecht werde und sie dem Kriticismus mehr als jbillig annähere 3 ). Die gegenwärtige Gelegenheit 4 ), über Descartes etwag zu sagen, ist mir daher willkommen, um zuti weiteren Aufklärung der wichtigen Frage das beizutragen, was ich zur Zeit beizutragen im Stande bin; wobei ich, um das alte Misverständnis möglichst auszuzchliessen, bemüht sein werde, der Untersuchung einen im engeren Sinne historischen Charakter zu geben* Die Vergleichung Descartes' mit Kant kann und darf freilich nicht unterbleiben* Es ist zugleich die beste Huldigung, die ein Deutscher dem ersten Philosophen franzosischer Nation darbringen kann, dass er ihn mit dem Manne in Parallele stellt, in dem wenigstens das Ausland stets die bestimmteste Ausprägung der deutschen Art des Philosophirens anerkannt hat. Ist Descartes Idealist? Ist er es schon im ersten Stadium seiner Philosophie, in den "Regeln", oder erst von dein Augenblick an, wo er in der Selbstgewissheit des Ich den neuen Mittelpunkt der Philosophie entdeckte? Ich verweile nicht lange bei der Vorfrage, ob die Philosophie der "Regeln" überhaupt eine ernste Berücksichtigung verdient. Man wird J. Baumann 5 ) nicht Unrecht geben können, wenn er gegen Foucher de Careil 6 ) behauptet, dass die "Regeln" ein frühes, wenig entwickeltes Stadium der Philosophie Descartes', und zwar genau das Stadium darstellt, von welchem der Philosoph im zweiten Teil des Discours selber berichtet, und welches er genau begrenzt auf die Zeit von seinem 23. bis 32. Lebensjahr, 1619 bis 1628. Die im Discours aufgezählten vier allgemeinen "Gesetze 44 seiner Methode sind in der That nur ein Auszug aus der *) Besonderen Dank schulde ich AI. Chiappelli für sein ebenso verständnisvolles wie gemassigtes Urteil in der wertvollen Schrift La dottrina della realta del mondo esterno nella filosofia moderna prima di Kant. P. I. Firenze 1SS6. Ein paar Bemerkungen dazu Thilos. Monatshefte Bd. 24 S. 461 ff.
doi:10.1515/agph.1897.10.1-4.10 fatcat:m3tcfa7c4rcr3boiigftkdjg5a