Der Maximal-Gott : zu Rainer Buchers Untersuchung "Nietzsches Mensch und Nietzsches Gott"

Eugen Biser
2015
Mit Nietzsche scheint es sich tatsächlich so zu verhalten, wie es Heine von Kants > Kritik der rei nen Vernunft < behauptete: Obwohl die Widerlegung der Gottesbeweise darin »nicht viel Raum ein nimmt und erst in der zweiten Hälfte des Buches zum Vorschein kommt, so ist sie doch schon von vornherein aufs absichtlichste eingeleitet, und sie gehört zu dessen Positionen«* 1. In dieser An nahme weiß sich Heine vom Gang der in seiner > Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland <
more » ... chnete Geistes-und Bewußtseinsgeschichte bestätigt, sofern mit Kants De struktion der Gottesbeweise die Aufklärung -trotz der salvatorischen Klausel, er habe das Wissen nur beseitigt, »um zum Glauben Platz zu bekommen« -von ihrer offenbarungskritischen Phase de finitiv zur Problematisierung und Kritik des Gottesglaubens übergeht. Nicht ahnen konnte Heine die von Nietzsche selbst in der Form »nachgereichte« Bestätigung, daß er sich ausgerechnet durch das anschließende Referat von Kants Gegenargumentation, vor allem aber durch seine These von der Resistenz des »ontologischen Beweises« zum Aphorismus vom »tollen Menschen« (FW, § 125) inspirieren ließ, den gerade die jüngste Nietzsche-Forschung wieder als Schlüsseltext begreift, da er einem grundlegenden »Selbstbekenntnis« und einem in allen späteren Konstrukten durchschim mernden »Palimpsest« gleichkomme2. Man ist versucht auf die Nietzsche-Forschung der letzten Jahrzehnte die Selbsteinschätzung Nietzsches als »Wahrsagevogel-Geist« zu beziehen, der »zurückblickt, wenn er erzählt, was kommen wird«, sofern man diesen exzessiven Anspruch nur auf das dem Interpreten zustehende Maß zurück nimmt. Denn es läßt sich nicht übersehen, daß sie mit erstaunlicher Sensibilität dem Wandel des Zeitbewußtseins folgt, seitdem sie mit Heidegger in fataler Abstimmung auf das damals »Zeitge mäße« den Willen zur Macht als letzte Konsequenz der platonischen Ideenlehre ausgab, seitdem sie mit der hierzulande nur unzulänglich zur Kenntnis genommenen amerikanischen Rezeption Nietz sche zum »positiven Denker« stilisierte und dadurch von jeder politischen Mitverantwortung frei sprach, seitdem sie ihn mit Sloterdijk zu einer postmodernen Bühnenfigur verfremdete und seitdem * R. Bücher, Nietzsches Mensch und Nietzsches Gott. Das Spätwerk als philosophisch-theologisches Programm (Würzburger Studien zur Fundamentaltheologie), Verlag Peter Lang, Frankfurt 1986, XIX und 407 S. 1 Heinrich Heine, Sämtliche Werke (Ausgabe Kaufmann) IX, München 1964, 247 f. 2 So Ch.Türcke, Der tolle Mensch. Nietzsche und der Wahnsinn der Vernunft, Frankfurt 1989, 13; 131; 160; 162. Angeregt durch H .de Lubac (Die Tragödie des Humanismus ohne Gott, Salzburg 1950, 44; 336) und ge stützt auf meine Untersuchung »Gott ist tot. Nietzsches Destruktion des christlichen Bewußtseins< (München 1960), vertrat ich die These von Nietzsches Orientierung an dem Heinetext, nachdem mir zu Beginn der sechzi ger Jahre vom Nietzsche-Archiv in Weimar Skizzen und Vorstudien aus dem Nachlaß zugänglich gemacht wor den waren; dazu meine Beiträge »Die Proklamation von Gottes Tod. Nietzsches Parabel »Der tolle M ensch< im Licht der Textgeschichte«, in: Hochland 56 (1963/64) 3 4 -4 6 ; »Nietzsches Kritik des christlichen Gottesbegriffs und ihre theologischen Konsequenzen«, in: Philosophisches Jahrbuch 78 (1971) 34 -6 5 ; 2 9 5 -3 0 5 und meine Schrift »Gottsucher oder Antichrist? Nietzsches provokative Kritik des Christentums«, Salzburg 1982 (mit Text proben); ferner D olf Sternberger, Heinrich Heine und die Abschaffung der Sünde, Hamburg und Düsseldorf 1976, 3 9 0 -3 9 6 ; 4 2 0 f (Nachtrag 1975).
doi:10.5282/mthz/3479 fatcat:4flnxajdjfblblzq2mkf3s5ome