Vom aktuellen Stand der Rezensionswissenschaft

Gerd Hager
1989 Kritische Justiz  
Strafen erhalten und abgesessen«, begreift man den eigentlichen Sinn des höchstrichterlichen Spruchs: Das 28jährige NS-Verfahren wird an seinem Ende im Sinne der Geschichtsdeutung, die in Bitburg ihren Ausgang nahm, funktionalisiert zu einer in Gegenwart und Zukunft gerichteten politischen Botschaft: Wer eine Behörde leitet, ist in Zeiten physischer Abwesenheit nicht für seine DientsteIle verantwortlich, auch wenn, wie in unserem Fall, der Betrieb gut läuft, die Untergebenen sich genauso an
more » ... sich genauso an seine Weisungen halten wie in Situationen seiner physischen Präsenz. Diese »vorauseilende (präventive) Exkulpation « ist die Wunschprojektion eines Berufstandes, der die von seinen Vertretern begangenen Verbrechen gegen die Menschheit nicht seiner eigenen Logik unterzogen hat und damit seiner ureigenen Aufgabe nicht nachkam. Das Urteil ist trotz seiner Widersprüchlichkeit konsequent. Der wahrscheinlich letzte »Euthanasie«-Prozeß war das erste NS-Verfahren, in dem die Täter sich mit den Argumenten der Opfer (Adorno, Arendt etc.) zu verteidigen suchten; in diesem juristisch geführten Historikerstreit obsiegte dennoch nach vielen Mühen zunächst die 23 . Kammer. Das letzte Wort blieb auf der Gegenseite: Die früher vorherrschende Befehlsnotstandsapologetik (»der Führer war an allem schuld«) hat der BGH jetzt komplettiert: Die Führer sind nicht verantwortlich für das, was in ihrem Namen geschieht. Müssen nicht angesichts der gesellschaftlichen Schadensbilanz dieses Prozesses die Staatsanwälte die Deckel ihrer Ermittlungsakten zuschlagen? p. S.: Nach Auskunft seines Verteidigers hat sich in Aquilin Ullrich zwischenzeitlich eine »echte Wandlung« vollzogen. Beide Ärzte haben Anfang April ihre Strafen angetreten . Während Bunke sich -wie gehabt -vergeblich mit Attesten gegen die Zumutungen des Strafvollzugs wehrte, bat der 75-jährige Ullrich -seiner Charakterstruktur entsprechend -um eine Ladung ins Gefängnis Rottenburg, auf daß er später dann, im Freigängerstatus in einem Altenund Pflegeheim (!) in tätiger Reue Dienst leisten könne. »Hoffentlich gibt es dort keine Spritzen «, merkte eine Prozeßbeobachterin dazu an, die allmählich in mir aufsteigenden Assoziationen auf einen Punkt bringend. Der ursprünglich mitangeklagte »Euthanasie«-Arzt Klaus Endruweit, dessen Verfahren aufgrund seiner mir nicht plausibel begründeten Verhandlungsunfähigkeit zuletzt 1986 abgetrennt werden mußte, war den jetzt einsitzenden Ärzten seit dem gemeinsamen Studium verbunden. Alle drei bildeten das, was sie selbst mit dem Ausdruck »verschworene Gemeinschaft« belegten. So ist offen, ob Endruweit jetzt, da sein e Verhandlungsfähigkeit erneut ärztlich überprüft wird, wieder pünktlich akut erkrankt oder ob Korpsgeist und Kameraderie ihn veranlassen werd en, es seinen alten Freunden gleichzutun und sich einem weiteren Strafverfahren auszusetzen , dessen Ausgang ihm nicht so sicher ist wie der Freispruch 1967.
doi:10.5771/0023-4834-1989-3-331 fatcat:zs673eeuqzbxtp57du3x7pvpfu