Diabolik ethnischer Kommunikation [thesis]

Alexander Paquée
2011
Einleitung Verteilungsfragen eine wichtige Rolle spielen. Welcher dieser Faktoren dazu geführt hat, dass Belgien seit beinahe 300 Tagen -und damit, wie Spötter anmerken, länger als der Irak -ohne Regierung auskommen muss und inzwischen sogar die Möglichkeit einer Sezession ins Spiel gebracht wird, lässt sich jedenfalls kaum feststellen. Die Auseinandersetzung mit Völkern, Nationen und Ethnien war schon immer von der Frage fasziniert, wie sich eine Vielzahl von Menschen, die sich in der Regel
more » ... ich in der Regel nicht kennen, als Einheit verstehen kann. Bereits Ernest Renan beantwortet die Frage danach, was das " Wesen" einer Nation oder Ethnie ausmacht, in seiner Rede " Qu'estce qu'une nation?" von 1882 mit dem Verweis auf das " geistige Prinzip". Der Neo-Kantianer Max Weber spricht ganzähnlich von einem " Gemeinsamkeitsglauben" als konstitutivem Merkmal einer Nation. Einigkeit besteht also dahingehend, dass die Eigentümlichkeit des Gegenstandes darin liegt, dass es nicht die Vorstellung einer sachlich bestimmten Gemeinsamkeit ist, welche die Identität einer Nation oder Ethnie stiftet, sondern allein das Zugehörigkeitsbekenntnis. Was die Ausstattung des ethnischen Gruppenbewusstseins mit sachlichen Kriterien betrifft, muss man vielmehr von einer gewissen Beliebigkeit oder wenigstens von einer weitreichenden Substituierbarkeit der Merkmale ausgehen. Das theoretische Problem, das sich daraus ergibt, lautet: Die Ordnungsleistung ethnischer Semantiken kann nicht allein dadurch bestimmt werden, dass man nach dem sachlichen Sinn von Ethnizität sucht. Betrachtet man die neuere Ethnizitätsforschung, wird deutlich, dass diese Problemstellung unter dem Titel Identität fortgeführt wird; hinzu tritt die Frage, wie eine solche Einheit, ein solcher Kollektivakteur, handlungsfähig werden kann. Zwei Leitgesichtspunkte dominieren die Forschungsliteratur: Zum einen wird nach den Prozessen der Bewusstwerdung gefragt, die dafür sorgen, dass ethnische Gruppen eine Kollektividentität ausbilden können; zum anderen begreift man Ethnizität als eine spezifische Form der Konkurrenz um Ressourcen wirtschaftlicher, politischer und kultureller Art und untersucht die Bedingungen, die zu Konflikten zwischen ethnischen Akteuren führen. Ob die damit etablierten Leitbegriffe Identität und Konflikt ausreichen, um Fälle wie Belgien zu erklären, wird inzwischen hinterfragt. Es deutet sich an, dass die Grundbegriffe Identität und Handlung nicht ausreichend auflösungsstark sind, um diese Aufgabe zuübernehmen, auch weil mit den beiden Begriffen durchaus disparate theoretische Annahmen verbunden sind und sie nur unzureichend mit allgemeinsoziologischen Konzepten rückgekoppelt sind.
doi:10.5282/edoc.13336 fatcat:ncgtzuvoq5dwdmf27wk5lgiorm