Erweiterte wissenssoziologische Gattungsanalyse [chapter]

Juliane Haus
2021 Wissen, Kommunikation und Gesellschaft  
ZusammenfassungDas 5. Kapitel bildet den empirischen Teil der vorliegenden Studie und zugleich ein Resultat der engen Verzahnung von Theorie- und Methodenarbeit (siehe Kapitel 3 und 4). Kommunikative Gattungen werden als verfestigte Formen der Vermittlung sozialer Wirklichkeit verstanden (Luckmann 1986: 196) und bilden "formalisierte Lösungen kommunikativer Probleme" (Knoblauch & Schnettler 2010: 4). Eine kommunikative Gattung wird durch musterhafte und typische Form der Entäußerung von
more » ... lementen charakterisiert, auf welche die Handelnden in ihrem Tun Bezug nehmen. Klassische Gattungsanalysen sind vielfach auf die Untersuchung von Kommunikationsphänomenen ausgerichtet, in denen verbalsprachliche Elemente von zentraler Bedeutung sind. Die drei Ebenen der Gattungsanalyse fokussieren dabei unterschiedliche Arten von Wissenselementen und musterhafte Formen ihrer Entäußerung. Die vorgeschlagene Erweiterung der Gattungsanalyse gründet u.a. in der Relevanz institutioneller, räumlich-materieller, technischer und körperlicher Aspekte des untersuchten Phänomens des ökonomischen Laboratops. Die hier angewendete erweiterte Gattungsanalyse ermöglicht es den empirisch beobachtbaren Prozess der Rahmenbildung im Labor als Vermittlungsprozess sozialer Wirklichkeit zu rekonstruieren und die hierfür typischen Lösungen und Merkmale herauszuarbeiten. Die für neuere Gattungsanalysen typische Differenzierung in die drei Ebenen der Außenstruktur, Binnenstruktur und situativen Realisierungsebene ist eine analytische Trennung. Diese verfolgt das Ziel, die Strukturmerkmale von kommunikativen Gattungen entsprechend ihrer unterschiedlichen 'Qualitäten' voneinander zu differenzieren. In der empirischen Wirklichkeit der Handelnden wirken die drei Ebenen der Gattung jedoch gleichzeitig und sind miteinander verwoben. Um dies zu verdeutlichen und zugleich illustrativ das eigene analytische Vorgehen aufzuzeigen, beginnt dieses Kapitel mit der Analyse einer Anfangssequenz eines Experiments (Abschnitt 5.1). Die daran anschließenden drei Unterkapitel (5.2, 5.3, 5.4) widmen sich den Ergebnissen des Analyseprozesses auf den 3 Strukturebenen. Die Außenstruktur (Abschnitt 5.2) umfasst solche rahmungsrelevanten Aspekte, die als Kontextelemente der sozialen Veranstaltung des wirtschaftswissenschaftlichen Experiments eigen sind. Es handelt sich hier um rahmungsrelevante Elemente, die den Kontext der empirischen Situation erweitern und auf Wissensbestände Bezug nehmen, die außerhalb der beobachteten Situation liegen. Diese Ebene bildet eine zentrale Grundlage für die Entschlüsselung typischer Versuche und Strategien der Rahmenbildung und -verankerung, die sich in der Durchführung von wirtschaftswissenschaftlichen Laborexperimenten entäußern. Die Ebenen der Binnenstruktur (Abschnitt 5.2) und der situativen Realisierungsebene (Abschnitt 5.3) umfassen typische Merkmale der Rahmenbildung, die den empirischen Vollzug des wirtschaftswissenschaftlichen Experimentierens im Labor prägen. Es handelt sich um musterhafte Formen kommunikativen Handelns, die als Ethnomethoden der handelnden Akteure, technische oder materielle Objektivationen in Erscheinung treten. Um den spezifischen Beitrag dieser einzelnen Merkmale genauer zu erfassen, wurde eine Analyseheuristik entwickelt, die zwischen vier unterschiedlichen Ebenen des "Doings" differenziert. Auf diese Weise wird deutlich, welche Rahmungs- bzw. Modulationseigenschaften diese Merkmale für die Herausbildung des ökonomischen Laboratops besitzen. Die Ebene der Binnenstruktur (Abschnitt 5.3) thematisiert Merkmale des beobachtbaren Rahmenbildungsprozesses, die vom situativen Vollzug unabhängig sind. Der Abschnitt 5.4 widmet sich der Ebene der situativen Realisierung und damit den Merkmalen die sich der interaktiven Handlungskoordination der Laborsituation zuordnen lassen. Der fünfte Teil dieses Kapitels (5.5) widmet der Anwendung des im Abschnitt 4.1.3 eingeführten qualitativen Experiments. Dies erfolgt einerseits zum Zweck der Validierung ausgewählter Forschungsergebnisse und illustriert zudem den möglichen Merhwert dieses qualitativen und zugleich experimentellen Verfahrens. Abschließend fasst Abschnitt 5.6 die Ergebnisse des Forschungsprozesses und der Analyse im Hinblick auf die konzeptionellen und methodologischen Erkenntnisse (Abschnitt 5.6.1) sowie die inhaltlichen Ergebnisse zusammen (Abschnitt 5.6.2) und bietet eine resümierende Beantwortung der Forschungsfrage.
doi:10.1007/978-3-658-33019-4_5 fatcat:us6ggamvhfcxxdln7mtxznkx4i