Zeitgemäße Unzeitgemäßheit. Hermann Cohens Philosophie heute. Gesprächsleitung: Ursula Renz (Klagenfurt)

Ursula Renz, Myriam Bienenstock, Helmut Holzhey, Andrea Poma
2011 Deutsche Zeitschrift für Philosophie  
Gespräch Zeitgemäße Unzeitgemäßheit hermann cohens philosophie heute MyriaM Bienenstock (tours), HelMut HolzHey (zürich), andrea PoMa (turin) Gesprächsleitung: ursula renz (klagenfurt) Ursula Renz: Hermann Cohen macht es seinen Lesern schwer. Schon seine Zeitgenossen sollen "Verzweiflungsschreie" ausgestoßen haben angesichts der Hindernisse, die seine Texte dem Verstehen in den Weg legen. 1 Angesichts der Bedeutung, die die Marburger Schule zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der europäischen
more » ... er europäischen Philosophie hatte, verstand es sich allerdings damals für viele Leser von selbst, dass sie sein Denken trotz der Sperrigkeit seiner Texte verstehen wollten. Heute präsentiert sich die Ausgangslage anders: Hermann Cohens Werk ist weder aktuell, noch gehört es zum Kanon. Warum sollten wir seine Schriften trotzdem lesen? Myriam Bienenstock: Als junge Forscherin wollte ich mich den Schriften von Hermann Cohen nicht nähern -weder in Frankreich, wo ich studierte, noch in Jerusalem, wo ich danach lehrte. Auch dort hatte Cohen den Ruf eines veralteten, überholten Denkers. Vor einigen Jahren bin ich dann ganz zufällig -über die Randbemerkung einer Begriffserklärung in einem philosophischen Wörterbuch -auf Die Ethik des reinen Willens gestoßen. Dort habe ich dann nicht nur entdeckt, dass vor mir die Quelle vieler heute gut rezipierten Ideen lag, sondern auch, dass mir Cohen die eigentlichen philosophischen Fragen viel genauer und eindringlicher erklären konnte als viele seiner Nachfolger. Ein Beispiel, das ich geben könnte, wäre Rousseau, über dessen Schriften Sie doch sicher sagen würden, dass sie zum Kanon gehören: Die Art und Weise, wie Cohen die oft für widersprüchlich gehaltenen Positionen erklärt, gehört zum Erhellendsten, was ich je darüber gelesen habe, und zu Rousseau hatte ich die Sekundärliteratur damals schon sehr intensiv studiert, beispielsweise auch Cassirer. Cassirer ist ja ein Schüler von Cohen gewesen, und er hat aus Cohen geschöpft, auch in seiner Lektüre von Rousseau. Ich habe dann aber entdeckt, dass die Lektüre des Lehrers noch viel fruchtbarer ist als die Lektüre des Schülers, auch wenn sich Cassirer viel einfacher und fließender lesen lässt als Cohen selbst. An Cohen -dies gilt sicher auch für andere Philosophen, doch für ihn auf ganz 1
doi:10.1524/dzph.2011.0023 fatcat:gvysfissdzc7hmx27zau5kqvk4