Die neue Lust am Ressentiment. Grundzüge eines affekttheoretischen Ressentiment-Begriffs

Christian Ernst Weißgerber, Jan Slaby, Anja Breljak, Rainer Mühlhoff, Mediarep.Org
2020
Einleitung Der Aufstieg des Nationalpopulismus mit Phänomenen wie Donald Trump, der Alt-Right, der sogenannten Neuen Rechten in Europa und der AfD zeugt von einer neuen Lust am Ressentiment. Diese Lust, wenngleich sie strategisch verwendet wird, ist, wo immer sie erscheint, anti-intellektualistisch, diffus-emotional, affektiv. Die affektiven Dimensionen des Ressentiments sollen im Folgenden beleuchtet werden. Der Begriff des Ressentiments hat auch außerhalb akademischer Debatten und politischer
more » ... ten und politischer Feuilletons Eingang in den Sprachgebrauch gefunden. Dabei wird er vorwiegend als Synonym zu Vorurteil, feindseliger Voreingenommenheit oder hasserfüllter Abneigung verwendet und bezieht sich somit auf primär kognitive Vorgänge -darauf, als was jemand jemanden sieht und wie dabei geurteilt wird. Ich werde im Folgenden von kognitisivtischen Vorurteils-und Ressentiment-Theorien sprechen, dessen zentrales Postulat der jetzige Bundesaußenminister Heiko Maas auf den Punkt gebracht hat: »Gewalt entsteht im Kopf.« 1 Vorurteile, ›Ideologie‹, Ressentiments seien Kopfgeburten eines Hasses, der nach legitimierenden Rationalisierungen späht. Ressentiment und Hass lassen sich nicht einfach wegdenken. Den Begriff des Ressentiments affekttheoretisch zu reformulieren, um ihn dem Primat des Kognitiven zu entreißen, ist der Erkenntnisanspruch des vorliegenden Textes. Für diesen theoretischen Problemaufriss wird zunächst eine 1 | Melzer und Molthagen 2015: 18. Das Motiv hat auch in der populärwissenschaftlicher Literatur rege Anwendung gefunden, zum Beispiel als Buchtitel: Gewalt entsteht im Kopf, Günter 2011. Mühlhoff, R.; Breljak, A.; Slaby, J. (Hg.): Affekt Macht Netz. Auf dem Weg zu einer Sozialtheorie der Digitalen Gesellschaft. transcript 2019, S. 225-244.
doi:10.25969/mediarep/13228 fatcat:6kcewhqqsrhtjgoj22ga3eczl4