Ueber Nierenaffectionen bei Kindern, nebst Bemerkungen über die Uraemie und Ammoniaemie1)

R. Jaksch
1888 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
Bei der grossen Wichtigkeit, welche die Frage der nach den acuteii lnfectionskrankheiten der Kinder auftretenden Nierenaffectionen nicht nur für die Erkrankungen (les Kindesalters, sondern für die Medicin überhaupt hat, halte ich es entsprechend der mir Seitens des PrÊisidiums der Gesellschaft für Kinderheilkunde gewordenen und mich ehrenden Aufforderung für geboten , meine eigenen , gewiss nur spirlicIien und unvollständigen Erfahrungen iiber diesen Punkt Ihnen in möglichst gedrängter Kürze
more » ... gedrängter Kürze wiederzugeben, um dadurch der Discussion dieser Frage , von der ich Aufklärungen in den verschiedensten Punkten durch einen Kreis so gelehrter und erfahrener Praktiker erhofie, möglichsten Spielraum zu gewähren. Wir haben deshalb unser I'hiema mit dem Herrn Correferenten und natürlich im Einversthndnisse mit demselben so cingetheilt, dass ich nur einige. mehr allgemeine Punkte des Themas besprechen werde, während der Herr College llagenbach die nach acuten lnfectionskrankheiten im Speciellen auftretenden Nierenaffectionen behandeln wird. Sollten, hochverehrte Anwesende, die Worte, die ich zu sagen habe, zu einer anifl)irtefl Discussion Veranlassung geben, so ist damit der Zweck meines heutigen Vortrages erfüllt, und von diesem Gesichtspunkte bitte ich die wenigen positiven Thatsachen zu heurtheilen, welche ich Ihnen heute zu bieten habe. Der erste Punkt, den ich berühren möchte, und (1er wohl zu den nach acuten Infectionskraukheiten auftretenden Nierena ifectionen im innigsten Connexe steht, ist die Frage: W je y erh äl t es si ch mit der febrilen Albuminurie hei Kindern überhaupt. kommt sie so häufig. so constant vor, wie bei Erwachsen en? Ich kann hier mit ganz bestimmten 1)aten dienen: Unter 68 mit Fieber der verschiedensten Arten behafteten Kranken, die während uieiner Dienstzeit auf der Klinik meines verehrten Freundes Nothnagcl in den ersten Monaten des Jahres 1885 beobachtet wurden, wurde in 24 Fällen = 35.2 0.0 febrile Albuminurie nachgewiesen. Bei dem mir seit einem Jahre zur Verfügung stehenden Kindermateriale wurde unter 51 mit Fieber einhergehenden Fällen zehnmal Albuminurie gefunden, also in 19,6 O/o der Fälle. Beide Versuchsreihen wurden mittelst genau derselben Methoden ausgeführt. Es ergieht sich daraus, dass das Vorkommen von febriler Albuminurie bei Erwachsenen sich häufiger vorfindet als hei Kindern. Der Grund mag wohl darin liegen, dass -wie bereits von anderen Autoren betont wurde -die Niere des Erwachsenen durch verschiedene vorausgehende schädliche Einflüsse. als Missbrauch des Alkohols etc. geschwächt ist, so dass durch 1{rankheitsgifte, (lie rn (len Körper eindringen, auch die Niere mehr in Mitleidenschaft gezogen wird. Die LTntersuchungn von H. Lorenz2 aus der Nothnagelschien Klinik haben uns eine neue und -wie ich glaube -sehr plausible Erklärung für das Auftreten dieses Symptoms gegeben; ') Vortrag. gehalten in der Section für Pädiatrie der 61. Versammlung 1)eutscher Naturforscher und Aerzte; das dazu gehörige Referat des Herrn Professor Ilagenbach wird demnächst im Jahrbuch für Kinderheilkunde publicirt. 2) H. Lorenz, Wien. kim. Wochonschrift. 1, 119, 1888. der \Terlust der Bürstenbesätze der Nierenepithelien ist es, der zu dieser Form der Albuminurie führt. Diese äusserst zarten Gebilde scheinen nun im Kindesalter Krankheitsgiften leichter zu viderstehen als bei Erwachsenen, und dies ist dann wohl der letzte Grund, dass (lie febrile Albuminurie bei Erwachsenen häufiger vorkommt als hei Kindern. Aber es wächst mit dieser Erkenntniss auch die Wichtigkeit der febrilen Albuminurie hei Kindern überhaupt, indem ihr Auftreten unter allen Umständen und bei allen Krankheitsformen auf einen schweren, ja häufig lebensgefährlichen Krankheitsprocess hindeutet. Der zweite Punkt, den ich berühren will ist: Wie steht es mit dem Vorkommen von Mikroorganismen in dem Harne fiebernder Kinder überhaupt? Ich verfüge liber eiiie Reihe von Beobachtungen, welche den Unu you Kindern betreffen, die an verschiedenen acuten Infectionskrankheiten als Varicellen, Morbilli, Pneumonie, miliarer 'I'uherculose litten. In allen diesen Fällen war der Ham. solange hohes Fieber bestand, ungewöhnlich reich an likroparasiten der verschiedensten Art , ohne dass jedoch ein bestimmter Parasit, z. B. vielleicht hei der miliaren Tuberculose die Tuherkelbacillen, vorherrschten, sondem ich habe auch für den kindlichen Organismus (lie [Jeherzeugung gewonnen, (lass (lie Niere bei Bestehen von infectiösen, mit Fieber ciuhergehienden Processen ein Elirninationsorgan für eine grosse Reihe von theils pathogenen, theils nicht pathogenen Mikroorganismen ist, jedoch nicht immer von jenen, welche in! einzelneii Falle die Krankheitssyinptoine hervorrufen. Es liegen diese Verhältnisse beim kindlichen Organismus ganz analog, wie dies von zahlreichen Autoren, wie von Litten 1) etc. für den Organismus Erwachsener bereits vor Jahren beschrieben wurde. Auf eine weitere interessante Form der Neplritis bei Kindern ist von Letzerich7) aufmerksam gemacht worden. Es scheint, dass bestimmte Mikroorganismen (Baeillen) existiren, welche bei Kindern eine in der Mehrzahl (1er Fälle günstig verlaufende, acute Nephritis hervorrufen. Ob und in wiefern aber diese von Letzerichi beschriebenen Formen als Krankheit sul generis anzusehen sind, müssen uns erst weitere Beobachtungen lehren. Das Vorkommen von zahlreichen, mit Fieber verlaufenden, fast gleichzeitig eintretenden Fällen von Nephritis spricht unbedingt zu Gunsten der Ansicht von Letzeri ch. Nur eins aber möchte ici! heute schon mit Sicherheit behaupten, und das zeigen ja auch Miroli's3) und Mannaberg's4) Beobachtungen, dass die von Letzerich beschriebenen Pilze wohl nicht die einzigen Mikroorganismen sind, welche in den Nieren an acuter Nephritis leidender Kinder vorkommen und zu derartigen Erkrankungen in einer näheren Beziehung stehen. Ich möchte hier noch erwähnen die verschiedenen, mit der Sepsis in näherem Connexe stehenden Coceen und vor allem die Erysipelmikroorganismeu, Parasiten, von denen es wohl keinem Zweifel unterliegt, dass sie sowohl hei Erwachsenen, als auch bei Kindern schwere Nierenaffectionen, die unter dem Bilde der acuten Nephritis verlaufen, hervorrufen können. Ich komme damit zu jenen seltenen Formen von Nephritis bei Kindern, die streng genommen nicht in den Rahmen unserer heutigen
doi:10.1055/s-0029-1208609 fatcat:c2jynlqrrjh7lgfhaovsashriq