Ekstase des Blicks. Augenblicke des Kinos

Petra Löffler, Kritische Berichte-Zeitschrift Für Kunst- Und Kulturwissenschaften
2016
Der letzte Blick und der erste Sind ohne Beispiel. Von Vorsicht frei, Finden sie nicht mehr zurück. (Durs Grünbein) Wir suchen überall das Unbedingte und finden immer nur Dinge. (Novalis) Fotografische Ekstase Ekstase wird zumeist als Form radikal subjektiven Empfindens beschrieben, als ein Hochgefühl, das von dem Betroffenen Besitz ergreift, ihn von seinen Sinneseindrücken und seiner Umgebung löst. Wie der Rausch soll dieser Körperzustand die Erfahrung von Grund auf verändern, die Sinne
more » ... n, die Sinne erweitern und zugleich die Herrschaft über sich selbst vermindern. Ekstase und Rausch werden deshalb in der Psychopathologie als Grenzzustände des Bewusstseins aufgefasst, die ‹in verschiedenen Stufen der Ausprägung auftreten und ineinander übergehen› können. 1 Ekstase muss jedoch auch als Verhältnis zwischen Subjekten und Objekten begriffen werden, genauer: als Form des affektiven Austausches zwischen ihnen. So beschreibt Roland Barthes in seiner Autobiographie Über mich selbst, wie ihn das Anschauen fotografischer Selbstbildnisse in Verzückung versetzt habe: Erst das meditative Betrachten dieser Fotografien habe ihr «abgelöstes Wesen» freigelegt und aus ihnen «den Gegenstand einer unmittelbaren Wollust» gemacht. 2 Ekstase ist demnach nicht ausschließlich ein Selbstverhältnis, ein subjektiver Ausnahmezustand, sondern Ausdruck einer besonderen Bezogenheit oder Affizierung zwischen Subjekten und Objekten, durch die das Sehen für Barthes zudem organisch wird. In seinem Essay Die helle Kammer spricht er dann einige Jahre später mit Bezug auf den Realismus der Fotografie dezidiert von fotografischer Ekstase: Das Noema der Fotografie, jenes «Es ist so gewesen», bezeichnet für ihn zugleich ihre Verrücktheit. Die Fotografie ist für Barthes verrückt, weil ihr «Realismus absolut und sozusagen ursprünglich ist und damit das Signum der Zeit ins verliebte und erschreckte Bewusstsein dringen lässt.» Diese wahrhaftige Umkehrbewegung, «die den Lauf der Dinge wendet», bezeichnet er als «photographische Ekstase». 3 Diese Form der Ekstase entsteht für ihn aus der Inversion der Zeit, der Gegenwart einer Vergangenheit, die sich plötzlich und mit Erschrecken beim Betrachten bestimmter Fotografien einstellt: Die Ekmnesie, die Störung des Zeiterlebens, durch die Vergangenes als gegenwärtig wahrgenommen wird, bildet demnach die (pathologische) Grundlage der fotografischen Ekstase. Durch die Umkehrung der Zeit nimmt das hingebungsvolle Betrachten von Fotografien für Barthes zugleich den Charakter einer «geteilten Halluzination» Petra Löffler Ekstase des Blicks kritische berichte 4.2010
doi:10.11588/kb.2010.4.27812 fatcat:ohpqg5pzb5cfppnvgi3fh6gnwq