Ueber die praktische Bedeutung der Blutuntersuchung mittels Blutkörperchenzähler und Haemoglobinometer

O. Oppenheimer
1889 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
Sahli (Correspoudenzhiatt für schweiz. Aerzte 1886) hat gelegentlich eines Vortrages über cien praktischen Werth der Haemoglobiuhestimmungen ziemlich kurz darauf hingewiesen, dass bei einer Anzahl hochgradig blasser Menschen das Blut nicht die diesem Aussehen nach zu erwartende Veränderung zeigt. Nachdem er einen Fall etwas ausföhrlicher beschrieben hat, sagt er, dass ein solcher Contrast zwischen Aussehen des Kranken und Verhalten des Blutes gar nicht so selten sèi, und dass man häufig bei
more » ... s aussehenden Herzkranken und Phthisikern normalen Haemoglobingehalt antrifft. Bei einer ähnlichen Gelegenheit, als ich zu einem Vortrag im hiesigen ärztlichen Verein über Untersuchungsmethoden des Blutes einige Beobachtungen über Haemoglobingehalt und Zahl der rothen Blutkörperchen anstellte, traten mir diese von Sah Ii erwähnten Verhältnisse in einer unerwarteten Häufigkeit entgegen, und ich hielt es der Mühe werth, diese Beobachtungen weiter zu verfolgen und eine Lösung der Frage zu versuchen, inwieweit ein blasses Aussehen den Schluss auf eine Constitutionsanomalie cies Blutes gestattet Zu diesem Zweck habe ich im hiesigen Spital zum heiligen Geis Dieses Dokument wurde zum persönlichen Gebrauch heruntergeladen. Vervielfältigung nur mit Zustimmung des Verlages. 860 DEUTSCHE MEDICINISCHE WOOHENSCfflflFT No. 42 bei einer grossen Anzahl Kranker, die mir wegen ihres blassen Aussehens auffielen, ohne Rücksicht auf Diagnose, eine Untersuchung des Blutes vorgenommen. Es sei mir gestattet, an dieser Stelle dem geehrten Chefarzte dieses Spitals, Herrn Dr. Oiiyrim, für die gütige Ueberlassung des Materials herzlichst zu danken. Als Grundlage meiner Untersuchungen dienten mir die Ergebhìisse der Forschungen, welche in neuester Zeit der Frage galten, ob für die verschiedenen Arten der allgemeinen Ernährungsstörungen, die durch Veränderungen des Blutes bedingt sind, -wir unterscheiden deren drei: die primäre, die secuiidäre Anämie und die Chlorose -bestimmte typische Befunde am Blute selbst sich nachweisen lassen. Ich unterlasse e, die historische Entwickelung dieser Lehre von der specifischen Veränderung des Blutes bei Erkrankungen desselben zu geben, und verweise auf die ausführlichen Litteraturangaben in den Monographieen von Leichtenstern (Untersuchungen über den Haemoglobingehalt des Blutes, Leipzig 1878), Laache (Die Anämie, Christiana 1SSl) und Gräber (Zur klinischen Diagnostik der Blutkrankheiten , Leipzig 1888). Besonders letzterer behandelte die Litteratur ausführlich und giebt auch eine Kritik der. vorhandenen Publicationen, der ich mich vollständig anschliessen kann. Ich möchte nur hinzufügen, dass die meisten Autoren, unter ihnen auch L e j ch t e u st e rn , sich darauf beschränken, den Haemoglobingehalt des Blutes zu bestimmen, und daraus Schlüsse auf die Beschaffenheit desselben ziehen. Es bedarf aber kaum einer Auseinandersetzung, dass diese einseitige Untersuchungsmethode keine richtigen Resultate geben kann, dass solche vielmehr erst erreichbar sind, wenn man die Zählung der rothen Blutkörperchen mit der Haemoglobinbestimmung verbindet. Gräber wandte beide Untersuchullgsmethoden an, und es gelang ihm, typische Differenzen des Blutes hei den drei conventionell unterschiedenen Arten der Anämie nachzuweisen. Er fasst die Ergebnisse in folgenden Sätzen zusammen: Zahl der rothen Blutkörperchen normal, Hämoglobin vermindert: Chlorose; Zahl vermindert, Hämoglobin relativ vermehrt: primäre I. perniciöse Anämie; Zahl und Haernoglobin vermindert: acute und chronische Anämie. Lanche kommt fast zu den gleichen Resultaten, nur findet er, dass bei Chlorose nicht nur der Haemoglobingehalt, sondern auch die Zahl der rothen Blutkörperchen vermindert ist. Doch möchte ich, wie es auch Gräber thut, einige von Laache's Fällen, die er als reine Chlorose bezeichnet, ais chronische Anämieen auffassen, da die Krankengeschichten dieser Fälle von manchen an sich schon anämisirenden Einflüssen, wie Diarrhöen, Gravidität u. dergl. berichten. Bei der Fragestellung, wie ich sie mir gegeben habe, ob die Blässe eines Patienten einen Schluss auf Veränderung des Blutes gestattet, und bei meinem modus procedendi, dass ich nämlich alle blassen Patienten ohne Rücksicht auf Diagnose untersuchte, mussten mir einerseits diese Resultate der Untersuchung anderer Autoren als Grundlage dienen, andererseits aher bot sich die Gelegenheit, diese auf ihre Richtigkeit zu prüfen. An der Hand meiner Untersuchungen kann ich, um es vorweg zu sagen, die Gräber'schen Sätze im wesentlichen bestätigen. glaube aber noch Beobachtungen
doi:10.1055/s-0029-1198736 fatcat:6tclcgdzq5cw5aj4ok5gudcwby