Ueber Operationen am schwangeren Uterus1)

M. Hofmeier
1887 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
Meine Herren ! Wenn ich mir erlaube hier in Ihrer G-esellschaft im Anschluss an einige Operationen am schwangeren Uterus meine Ansicht über diese Eingriffe zu begründen so geschieht es zunächst darum, weil in keinem anderen Punkte Geburtshilfe und Chirurgie sich so ergänzen müssen, dann aber auch darum, weil im Ganzen derartige Operationen dem Chirurgen wohl nicht besonders häufig vorkommen, andererseits diesélben aber doch ein erhebliches chirurgisches Interesse zu beanspruchen scheinen. Es
more » ... hen scheinen. Es liegt in der Natur der Verhältnisse, dass der Einzelne eine sehr grosse Erfahrung über diesen Punkt nicht haben kann, und dass daher das Endurtheil sich nur aus den Erfahrungen Mehrerer zusammensetzen kann. Immerhin hielt ich die Erfahrungen, die ich an unserer Klinik zu sammeln Gelegenheit hatte, für wichtig genug, um in dieser Frage mitzusprechen und sie bei dieser Gelegenheit Ihrem Tjrtheil zu unterbreiten. Sie beziehen sich auf 13 und mit Einschluss zweier In den letzten Monaten ausgeführten Kaiserschnitte auf 15 Operationen, bei deren elf ich persönlich meinem unvergesslichen Lehrer, dem verstorbenen Geh. Rath Schroeder, assistirte und von denen ich vier selber auszuführen Gelegenheit hatte. Einige palliative Operationen wegen Carcinom lasse ich dabei ausser Betracht. You dem einfachen Kaiserschnitte möchte ich hier ini Wesentlichen absehen, so interessant auch die neuesten Erfahrungen auf diesem Gebiete sind, und so sehr dieselben auch ftir die ganze Frage nach der óhirurgischen Behandlung des schwangeren UteÑs in Betracht kommen. Diejenigen Affectionen nun, welche ausser dem engen Becken und ganz seltenen Traumen uns zu chirurgischen Eingriffen am schwangeren Uterus nöthigen, sind wohl ausschliesslich Neubildungen und zwar solche, welche entweder an und für sich durch ihr Bestehen während der Schwangerschaft das Leben gefährden, oder solche, welche an und für sich zwar nicht direkt gefährlich, doch bei der Schwangerschaft, Geburt und im Wochenbett durch ihr Vorhandensein hohe Gefahren bedingen können: wesentlich also Carcinome und Fibrome. Es giebt nun bekanntlich in der Literatur eine Menge von derartigen Operationsfälleu zerstreut, die ich Ihnen hier nicht vorfuhren und kritisiren kann; ich verweise in dieser Beziehung ausdrücklich auf die Monographie von Gusserow: "Neubildungen des Uterus" in der grossen Chirurgie von Luecke-Biliroth, in welcher diese Dinge eingehend kritisch besprochen sind. Ich kann auch auf die complicirten Indicationsstellungen hier nicht eingehen, complicirt deshalb, weil es sich stets um das sorgfältige Abwägen der Chancen für zwei Leben: das mütterliche und kindliche handelt. Es würde dies die Grenzen meines Thema's überschreiten und Ihre Zeit ungebührlich in Anspruch nehmen. Ich will mich darauf beschränken, Ihnen kurz unsere Operationen zu skizziren md die Folgerungen, welche ich für die chirurgische Behandlung des schwangeren Uterus daraus glaube entnehmen zu müssen, Ihnen darzulegen. Es handelte sich also im Ganzen uni 7 Operationen wegen Carcinom des Cervix und zwar darunter 5 supravaginale Amputtionen desselben und 2 Totalexstirpationen des Uterus: eine nach Freund 1) Nach einem auf dem XVI. Congress der deutschen Geselichaft für Chirurgie gehaltenen Vortrage. Dreizehnter Jahrgang. Verlag von Georg Thieme, Leipzig-Berlin. nach vorheriger Ausführung der Sectio Cäsarea im 10. Schwangerschaftsmonat und eine zweite s. vag. im dritten Schwangerschaftsmonat. Ferner um 6 Operationen wegen Fibromen : darunter 1 Enucleation eines faustgrossen Fibroms aus dem Cervix am Ende der Schwangerschaft; in einem weiteren Fall um die Entfernung eines zweikindskopfgrossen ungestielten Fibroms von der Aussenfläche des schwangeren Uterus nach Ausführung der Laparotomie, und in 4 anderen Fällen um Amputationen des Uteruskörpers, zweimal im dritten Monat der Schwangerschaft, zweimal am Ende derselben nach Ausführung des Kaiserschnittes. Die beiden in Frage kommenden einfachen Kaiserschnitte wurden wegen Beckenenge ausgeführt. Mein Antheil an diesen Operationen besteht in 1 supravaginalen Amputation im 4. Schwangerschaftsmonat , der vaginalen Totalexstirpation wegen Carcinom ; einer Porro-Operation Wegen Myom und einem einfachen Kaiserschnitt, während alle übrigen Operationen von Herrn Geh. Rath S e h r o e d e r ausgeführt wurden. Was zunächst die augenblicklichen Resultate anbelangt, so starben im Ganzen von den 15 Operirten 2 : eine nach einer supravagin alen Amputation, die andere nach der F r e un d ' scheu Operation am Ende der Schwangerschaft. Die übrigen machten Alle eine fast ganz ungestörte , zum Theil geradezu ideale Reconvalescenz durch, und sind auch von den 6 in Frage kommenden Kindern gleichfalls gerettet und später am Leben geblieben. Ohne auf Einzelheiten weiter einzugeben, will ich nur kurz erwähnen, dass die vier noch in Betracht kommenden Schwangeren, bei denen der Cervix supravaginal wegen Carcinom amputirt war, alle abortirten ; die eine allerdings erst nach der Entlassung aus der Anstalt, 3 Wochen p. operat., und dass alle vier innerhalb des ersten Jahres trotz ausgedehnter Operationen Recidive zeigten. Diese ungünstigen Erfahrungen waren für mich wesentlich der Grund, in einem vor 2 Monaten an mich gekommenen Fall nach Feststellung der Diagnose die Totalexstirpation des schwangeren Uterus zu machen. Die Prognose sowohl der Fortdauer der Schwangerschaft, wie des Carcinom beim schwangeren und puerperalen Uterus sind meiner Erfahrung nach sehr schlecht; die Zukunft wird freilich erst lehren müssen, ob man durch die Totalexstirpation des schwangeren Uterus oder des puerperalen nach künstlicher Unterbrechung der Schwangerschaft günstigere Resultate wird erreichen können. Die Operation selbst, welche, so viel ich weiss, nur in einem von Landau hier und Them in Kottbus operirten Fall ihr Analogon hat, war überraschend leicht nnd einfach. Die ausserordentliche Auflockerung und Dehnbarkeit aller Gewebe, die sehr vermehrte Dislocationsfähigkeit aller Theile und die absolute Weichheit des Uterus erleichterten in hohem Grade die ganze Operation, sodass ich nicht anstehe es auszusprechen, dass auch ein wesentlich grösserer Uterus (etwa ein viermonatlicher) ohne grosse Schwierigkeiten auf diese Weise entfernt werden kann. Die Blutung war gering, die Reconvalescenz ganz ungestört. Dieselben günstigen Verhältnisse zeigten sich übrigens bei der vom Geh. Rath S ch ro e der ausgeführten, vorhin erwähnten Freundsehen Operation am Ende einer Schwangerschaft, die im übrigen eine Verzweiflungsoperation War bei einer bereits Hochfiebernden, mit vollkommen carcinomatös degenerirtem Cervix. Da an eine spontane Geburt nicht zu denken war, die Umgebung des Cervix andererseits noch ziemlich frei erschien, so beschlöss Sèhroeder, an den doch nothwendigen Kaiserschnitt eine Totalexstirpation von der Bauchhöhle aus anzuschliessen. Die Operation selbst gestaltete sich ebenfalls aus den genannten Ursachen nnerwartet gitustig und Heruntergeladen von: NYU. Urheberrechtlich geschützt.
doi:10.1055/s-0029-1197675 fatcat:cg4oovkrwfckpef4kwvkjxrk2u