Die sanitätspolizeiliche Bekämpfung der Pest1)

Martin Kirchner
1903 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
Das Ereigniss, welches während der vorigen Woche die ärztliche Welt nicht nur Berlins in Spannung hielt, jetzt aber, wie wir hoffen dllrfen, abgelaufen ist, ohne ernstere Folgen nach sich zu ziehen , der schnelle Tod eines jugendlichen Arztes und die Erkrankung seines Pflegers an der Pest, hat Ihren Herrn Vorsitzenden veranlasst, mich zu ersuchen, vor Ihnen in Kürze eine Schilderung dieser Fälle zu geben und im Anschluss daran die Grundzüge der heute üblichen Pestbekämpfung darzulegen. Ich
more » ... arzulegen. Ich komme dieser Aufforderung gern nach, einmal, weil sie mir eine erwünschte Gelegenheit gicht, Ihnen meinen Dank dafür abzustatten, dass Sie mich durch die Wahl zu Ihrem korrespondirenden Mitgliede ausgezeichnet haben, sodann aber, weil ich dadurch wieder einmal in die Lage komme, auf die Bedeutung des Mitwirkens des ärztlichen Praktikers bei den Aufgaben der Medizinalverwaltung hinzuweisen. Die orientalische Beulenpest stand, wie Sie wissen, im Mittelalter und bis gegen Ende des 18. Jahrhunderts hin im Vordergrunde des ärztlichen Interesses. Dann trat sie mehr und mehr zurück. Die alten Pesthospitaler, welche sich einst vor den Thoren fast jeder Stadt erhoben, verfielen oder verwandelten sich in Siechenhäuser, und an die Möglichkeit, dass die Pest wiederkommen könnte, dachte man kaum noch. Wie recht ich mit dieser Bemerkung habe, mögen Sie daraus entnehmen, dass in dem bekannten Regulativ bei ansteckenden Krankheiten vom 8. August 1835, welches noch heute bei uns in Preussen Gesetzeskraft hat, die Pest auch nicht mit einem Wort erwähnt ist. Allein im letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts mussten wir erfahren, dass die Pest keineswegs verschwunden war. Sie erinnern sich der räumlich begrenzten, aber doch recht schweren Pestepidemie, welche im Winter von 1878 auf 1879 in den Kosackensteppen zu beiden Seiten der Wolga auftrat und allein in dem Orte Wetijanka fast den vièrten Theil der Einwohner dahinraffte. Wir lernten erneut mit der Möglichkeit rechnen, dass die Pest wieder einmal wie früher so oft, ihre vorderindische Heimath an ') Vortrag, gehalten im Verein für innere Medizin in Berlin, am 15. Juni 1903. INHALT. Aus der Dermatologiseken Universitätsklinik in Breslau: Impfungen an Affen mit dem Erreger des IJicus molle. Von Dr. E. Tomasczewski in Halle a. S. S. 466.
doi:10.1055/s-0028-1138543 fatcat:swdc26komvcgrd5mmmx4gkfjba