Ueber einen Fall von geheilter Sinusthrombose nach Mittelohreiterung1)

K. Weissgerber
1897 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
Der Hauptfortschritt, den uns die Hirnchirurgie in den letzten fünf Jahren gebracht hat, betrifft wohl ohne Frage das Gebiet der endocraniellen Eiterungen. Mussten auf anderen Gebieten in dem Maasse, als das Studium der Pathologie des Gehirns sich vertiefte und unsere klinischen Erfahrungen wuchsen, die Grenzen des operativen Handelns vielfach enger gezogen werden, vor allem in der Behandlung der traumatischen Rinclenepilepsie, so hat sich hier das Feld unserer Thätigkeit wesentlich vergrössert
more » ... und die schönsten Erfolge gezeitigt. Diese Erfolge sind um so höher anzuschlagen, als es sich meistens um Vorgänge handelt, die ohne Eingriff tödtlich enden. Die TJnthätigkeit, womit man früher diesen Affectionen gegenüberstand, war zum Thou eine Folge davon, dass man das Gehirn für das Messer unnahbar hielt, und erst in den letzten Jahren hat man auch hier den Grundsatz: "Ubi pus, ibi evacua" zur Geltung gebracht. In der Aetiologie der endocraniellen Eiterungen ist die eitrige Mittelohrentzündung an erster Stelle zu neimnen, und zwar kommen vornehmlich vier Krankheitszustitnde in Betracht, wenn zur Otitis media schwere cerebrale Erscheinungen hinzutreten: die epidurale Eiterung, die infeetiöse Sinusthrombose, der Hirnabseess und die eitrige Leptomeningitis. Es ist bekannt, wenn die Diagnose dieser Zustände auch mitunter leicht ist, wie complicirt das Krankheitsbild sein kann und 1) Vortrag, gehalten in der medicinischen Gesellschaft zu Giessen am 23. Februar 1897. wie grosse Schwierigkeiten sich der klaren Erkenntniss oft cntgegenstelhen. Für die richtige Auffassung des Krankheitsverlaufs und die Möglichkeit, den Eiterheerd aufzusuchen und zu beseitigen, war besonders die Würdigung der vorher lange übersehenen Thatsaclie von Bedeutung, dass es sich bei der Verbreitung der Eiterung von dem Ohr auf den Schädehinhalt gewöhnlich um ein Fortwandern in der Continuität handelt, dass die Infection der Dura und des Gehirns meistens durch direkten Contact mit erkranktem Knochen zustande kommt. Und da wir heute wissen, wo dieser Contact häufig stattfindet, so können wir in Fällen, wo wir die Anwesenheit einer intracraniellen Complication nur vermuthen, uns direkt den Weg dorthin bahnen und brauchen nicht auf Zeichen zu warten, deren Eintritt für den Kranken oft bereis von verhängnissvoller Bedeutung ist. Durch das Fortschreiten des Entzündungsprocesses vom Knochen auf die Dura ist der Sinus transversus der Gefahr der thrombophlebitischen Erkrankung am häufigsten ausgesetzt. Zwar kann diese phlebitische Thrombose auch indirekt, durch die Fortsetzung kleiner Venenthromben in den Sinus transversus hinein, veranlasst werden, oder durch \Termittelung eines Sinus petrosus, des Sinus cavernosus, oder des Bulbus der Jugularvene, die vom Boden der Paukenhöhle aus inficirt wurde. Iii der weit überwiegenden Mehrzahl der Fälle jedoch sehen wir die genannte Complication in der Weise sich entwickeln, dass die otitische Eiterung von ihrem Hauptsitz, der Paukenhöhle, weiter kriecht auf das Antrum und die hier einmündenden Cellulae mastoideae und schliesslich nach kürzerer oder längerer Zeit in der Fossa sigmoidea die Dura erreicht. Jetzt wird auch diese in den Zerstörungsprocess mit hineingezogen, dem sie zunächst noch verschieden lange Zeit widersteht. Wir finden sie dann meist entzündlich verdickt, fibrinöseitrig belegt, dem Knochen anliegend oder durch Granulationsgewebe, durch einen perisinuösen Abscess von seiner Wandung abgedrängt, in vorgeschrittenen Fällen missfarbig, gangränös und vielleicht schon perforirt. Diesen Veränderungen voraus geht die Bildung des Sinusthrombus, der zunächst noch nicht inficirt zu sein braucht, dessen eitrige Infection jedoch bei längerem Bestand, wenn nicht Kunsthülfe dazwischentritt, nie ausbleibt. Und hiermit ist der Process in ein acutes, sehr gefährliches Stadium getreten : es droht die Pyämie mit ihren Folgeerscheinungen. Sie wissen, dass die Krankheit in dieser Phase ihrer Eutwicklung früher als hoffnungslos galt und ihre Behandlung nur symptomatisch sein konnte. Das ist jetzt anders geworden. Nachdem Z aufal im Jahre 1880 die Idee ausgesprochen hatte, den Sinus freizulegen und von seineni jauchigen Inhalt zu befreien und gleichzeitig, um die Verschleppung infectiösen Materials indic Blutbahn zu verhindern, die Vena jugularis interna zu unterbinden, sehen wir diesen Vorschlag, nach einigen misslungenen Versuchen, erst in den letzten Jahren zur methodischen Ausführung gereift. Bedeutet die Schwartz e'sehe Aufmeisselung des Warzenfortsatzes und des Antrum mastoideum für die ersten Stadien der Krankheit einen Eingriff von grösster Wichtigkeit, so ist die Aufdeckung des erkrankten Sinus und Entfernung seines Inhalts ein gewaltiger therapeutischer Schritt weiter und bringt auch hier erst den Grundsatz in der Behandlung jeder fortschreitenden Eiterung: Freilegung des ergriffenen Gebiets in ganzer Ausdehnung, zur thatsächlichen Ausführung. Und die Früchte dieses Vorgehens sind hier in gleicher Weise gute. Wir sind in der Lage, die verhältnissmässig noch kleine Zahl geheilter Eälle durch einen weiteren zu vermehren, der von Herrn Professor Dr. Poppert operirt worden ist und in mehrfacher Hinsieht Interesse verdient. Der Fall betrifft eine 2Ojährige Patientin, J. L.; sie stammt aus gesunder Familie und ist früher nie ernstlich krank gewesen, insbesondere hat sie nie an Ohrenausfluss gelitten. Nachdem 8 Tage zuvor eine leichte Angina vorausgegangen, wurde Patientin, die sich bis dahin wieder ganz wohl gefühlt hatte, am 26. August 1896 gegen Abend von heftigen anhaltenden Schmerzen im rechten Ohr befallen. In der darauf folgenden Nacht entleerte sich Eiter in ziemlicher Menge aus diesem Ohre, während die Schmerzen alsbald wesentlich nachliessen. Die folgenden Tage bis zum 30. August bestand noch eine geringe Eiterabsonderung aus dem Ohre fort. Patientin lag während dieser Zeit meist zu Bett. Als sie am 30. August wieder aufstand, hatten Ausfluss und Schmerzen ganz aufgehört. Nach dem Aufstehen hatte sie einen leichten Frost, fühlte sich jedoch die nächsten Tage wohl. Am 9. September stellten sich wieder Schmerzen im Ohr ein und Fieber. Am 10. November hatte Patientin einen ausgesprochenen Schüttelfrost, der etwa 10 Minuten anhielt und sich am 11. November und besonders stark am 12. November wiederholte. Die Schmerzen im Ohr hatten bald wieder nachgelassen, jedoch klagte Patientin über allgemeine Mattig-Dieses Dokument wurde zum persönlichen Gebrauch heruntergeladen. Vervielfältigung nur mit Zustimmung des Verlages.
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