Crarys Techniken anders betrachtet. Kritische Anmerkungen zu »Techniken des Betrachters« von Jonathan Crary, Dresden/Berlin 1996

Linda Hentschel, Kritische Berichte-Zeitschrift Für Kunst- Und Kulturwissenschaften
2013
Linda Hentschel Crarys Techniken anders betrachtet Kritische Anmerkungen zu » Techniken des Betrachters« von Jonathan Crary, Dres den/Berlin 1996. Folgt man Jonathan Crarys Untersuchungen zu den Techniken des Betrachters im 19. Jahrhundert, so trägt sich um 1800 eine bahnbrechende Umwälzung in der Funk tion des Sehens zu: Die S ubjektivität läuft im Betrachter Amok, wie W.J.T Mitchell Crary zwar ironisch, doch prägnant zusammenfaßt. 1 Als wesentlicher Unterschied zum Ideal des körperlosen S
more » ... s körperlosen S ehens, das Crary in der Figur des Camera obscuraBe trachters des 18. Jahrhunderts personifiziert sah, kristallisiere sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts ein neues S ehmodell heraus, das die bislang vernachlässigten, da vom Körper selbst produzierten, visuellen Effekte ins Visier nahm. Durch Goethes Far benlehre 1810 in Gang gesetzte Untersuchungen über das sog. Nachbild wie auch der Wunsch, der Binokularität des visuellen Feldes Rechnung zu tragen, führten nach Crary dazu, den betrachtenden Körper nun selbst zum bevorzugten Betrach tungsobjekt zu erklären. 2 Das sehende S ubjekt verlor an Transparenz und damit an jener vermeintlichen Unabhängigkeit von dem Erscheinungsbild der äußeren Welt, die ihm im Gehäuse der Camera obscura einen S chein von S tabilität und Rationali tät verlieh. 3 »Das S ehen gilt nicht mehr als privilegierte Form der Erkenntnis, son dern wird selbst zu einem Objekt der Wissenschaft, der Beobachtung. Mit Beginn des 19. Jahrhunderts bedeutet die Wissenschaft des S ehens immer mehr die Erfor schung der Physiologie des menschlichen S ubjekts [...]. In diesem Augenblick ent zieht sich das S ichtbare der zeitlosen Anordnung der Camera obscura und wird in einem anderen Apparat, innerhalb der unstabilen Physiologie und Vergänglichkeit des menschlichen Körpers angeordnet.« 4 Crary neigt zu einer voreiligen und allzu rigorosen Oppositionierung beider S ehmodelle. Natürlich gibt es Unterschiede, die aber können unterschiedlich bewer tet werden. Crary konzentriert sich darauf, die Physiologisierung des S ehens im 19. Jahrhundert als einen Rationalisierungseffekt zu beschreiben, der verstärkt mit der Industrialisierung, Mechanisierung und Dynamisierung des Alltagslebens erforder lich wurde. 5 Das physiologische Wissen lieferte demnach Methoden, ein S ubjekt von außen zu kontrollieren und zu beherrschen und treibt, ähnlich dem S exualitäts diskurs, mit der S trategie der Wahrheit und Befreiung des S ehens die Unterwerfung der einzelnen unter die Normen voran. Ich halte es jedoch für einen Widerspruch von Jonathan Crary einerseits vorzugeben, einer Foucaultschen Argumentationswei se zu folgen und von Disziplinierung und Normierung, Techniken und S trategien des Augensinns zu sprechen, dann aber, mit einer überraschenden Unsensibilität ge genüber dem Autor ausgestattet, durch die Hintertür die Hypothese eines radikalen Bruchs einzuführen, gegen die anzuschreiben Foucault doch nur die Mühe der Text produktion auf sich nahm. S innvoller als die Frage, was den subjektiven Betrachter typus des 19. Jahrhunderts so radikal von seinem Vorgängermodell unterscheidet, scheint mir die Überlegung, in welchen Aspekten sie sich ähneln, auch wenn auf den ersten Blick neue S trategien und Einpflanzungsverfahren sie unterschiedlich erscheinen lassen. Ich schlage daher eine Verschiebung der Craryschen Perspektive auf visuelle Phänomene vor, die zum einen Ähnlichkeiten zwischen alten und neuen kritische berichte 2/99 69
doi:10.11588/kb.1999.2.10678 fatcat:3jriasbqaralzndgjxt7mhj5ie