Wenzel Hagecius von Libotschan oder Václav Hájek z Libočan? Zur Problematik moderner Namensschreibung

Eva Schmidt-Hartmann
2016
Im allgemeinen nimmt der Mensch ganz unbefangen an, daß jedes Ding auch seinen Namen habe. Die rechte Begrifflichkeit beschäftigte die Philosophie seit je, und ihre modernen Fortschritte in der strukturalen Analyse unseres Denkens und Sprechens haben zu vielerlei neuen Einsichten geführt. Erst recht problematisch wird das Prinzip, wenn es sich dabei nicht um Fragen der Begriffsbildung handelt, sondern um Namen für Dörfer, Städte und Menschen. In einem solchen Fall ist zugleich auch etwas
more » ... h auch etwas ausgesagt über Selbstbezeichnungen und ihren Wandel im Lauf der Zeit, und dahinter verbirgt sich gleichzeitig die Möglichkeit zur Interpretation von Identifikationen oder Selbstbestimmung. Besonders im "Volkstumskampf" spielte die Namenschreibung eine große Rolle. So sehr wir uns aber von jener Denkweise entfernt glauben, so sehr überrascht manche Zählebigkeit bis zum heutigen Tag. Daß Frauen ihre Namen in der Regel in ihrer Ehebindung austauschen und dabei, wie es heute mitunter erscheint, von ihrer Identität nichts einbüßen, gehört freilich nicht in unseren Zusammenhang; nicht zuletzt, weil unsere Beobachtungen in die Vergangenheit führen, und dort, wie bekannt, haben Frauen nur selten Geschichte gemacht. Die Namenschreibung im allgemeinen, heute mit Fug und Recht als eine historische Variante betrachtet, wird doch noch oft unter falschen Bezugnahmen als Sache der "wissenschaftlichen Wahrheit" diskutiert. Die Frage, ob einer der Großen der böhmischen Geschichte Wenzel oder Václav zu schreiben sei, Franz oder František, kann erstaunlicherweise auch heute noch zum Politikum werden. Und doch bietet uns die Vergangenheit, recht betrachtet, zu solchen Politisierungen meist keinen Grund. Einen politischen Aspekt erhielt die Namensfrage freilich schon im Jahre 1770, als den Bürgern der Habsburger Monarchie die Pflicht zur Beibehaltung einmal amtlich festgesetzter Namensformen auferlegt wurde % . Zwar wurden in Böhmen schon seit Beginn des 17. Jahrhunderts Familiennamen in den kirchlichen Matriken geführt, doch erst seit Maria Theresia sollte ein jeder Mensch beim Eintritt in diese Welt mit einer Bezeichnung versehen werden, die ihn einmalig und unveränderlich sein Leben lang zu begleiten hatte. Es war gewiß keine einfache Unternehmung, einen solchen Zustand der allgemeinen Bevölkerungskonskription zu erreichen. Noch im Jahre 1826 mußte immerhin die Möglichkeit von Namensände-1 Die Gubernialverordnung vom 29.12.1770 bestimmte, daß jeder Untertan seinen in der Taufmatrik eingetragenen Zunamen in dieser Schreibform unverändert zu führen hatte.
doi:10.18447/boz-1986-687 fatcat:t4t6sbttenaabpz477my3vlhwq