Künstlerinnen im 18. Jahrhundert. Eine soziologische Skizze

Berthold Hinz, Kritische Berichte-Zeitschrift Für Kunst- Und Kulturwissenschaften
2016
Berthold Hinz Künstlerinnen im 18. Jahrhundert Eine soziologische Skizze 1 Die folgende kleine Studie über deutsche (bildende) Künstlerinnen im (Spät) Ba rock stützt sich vor allem auf die von J. M. Woods und M. Fürstenwald zusammenge stellte Liste von namhaften Frauen des geistigen und künstlerischen Lebens in dieser Epoche. 2 In diesem Werk wiederum ist eine Vielzahl zeitgenössischer Frauenkatalo ge ausgewertet. Nunmehr, im 17./18. Jahrhundert, hatte sich derartige SammelBio graphik von dem
more » ... o graphik von dem ursprünglichen Typus bereits gelöst, der uns am ausgeprägtesten bei Boccaccio (»De claris mulieribus«) 3 und Christine de Pisan (»La cite des da mes«) 4 vor Augen steht und in der Regel einen betont apologetischen Charakter be sitzt. Die ursprüngliche Mischung sagenhafter und historischer Frauen und eine be stimmte >Moral< ist nun, im Barockzeitalter, nicht mehr die Sache der mittlerweile entstandenen biographischen Nachschlageliteratur. Erst recht ist es nicht mehr um die einst ernstlich um den Nachweis geführten Bemühungen zu tun, daß Frauen überhaupt richtige Menschen seien, womit wir uns seit der zweiten Hälfte des 18. J ahrhunderts, der enzyklopädischen Epoche gleichsam dem modernen »Who is who?« nähern. Der im Grunde misogyne Boccaccio hatte auch nur drei bildende Künstlerin nen registriert Irene, Marcia, Thamyris, drei >Heldinnen< aus drei Epochen , die denn sämtlich historisch nicht verifizierbar sind. Bei Christine sind es dieselben Drei, zu denen noch eine zeitgenössische Anastasia tritt, die indes gleichfalls nicht zu iden tifizieren ist. 5 Doch auch noch an die von Woods/Fürstenwald benutzten Nachschla gewerke des 17. und 18. Jahrhunderts kann man keine strengen lexikographischen Ansprüche stellen, vor allem deshalb nicht, weil die Namen und Daten in der Regel noch nicht aus der (erst in den Anfängen existierenden) Publizistik geschöpft keine gleichsam standardisierte öffentliche Meinung repräsentierten, sondern weil ihre Publizität vielmehr in unterschiedlich (regional, sozial, sachlich) beschränkten, also unplanmäßigen Informations und Kommunikationszusammenhängen wurzelte. Unter den ca. 700 aufgelisteten Frauen zählt man etwa 10 % bildende Künstle rinnen aller Sparten, also etwa 70 Personen. Deren Namen wurden mit den Angaben im Allgemeinen Künstlerlexikon (»ThiemeBecker«) 6 verglichen und zumeist auch verifiziert. Dabei kamen einige weitere Namen hinzu 7 , so daß die folgenden Ergeb nisse auf einer Erhebungsbasis von circa einhundert Künstlerinnen gründen. Er schwert wurde das Auffinden im »ThiemeBecker«, was als symptomatisch gelten darf, durch unterschiedliche Usancen bei der Namensfeststellung: Manchmal sind die Mädchen, manchmal die Ehenamen registriert. Ferner verfügt eine beträchtli che Anzahl der Künstlerinnen über keinen eigenen LexikonArtikel, sondern ist nur bei dem des Vaters, Ehemanns oder sogar Bruders untergebracht. Die Bearbeiter der Artikel waren zwar, was zu ihrer Aufgabe gehört, meistens bemüht, die biogra phischen Angaben durch Nennung von Werken zu ergänzen, sei es aufgrund von Dokumenten und Überlieferung oder von Signaturen, sowie Sammlungsnachweise zu geben; doch ist die Ausbeute gering. 8 kritische berichte 4/92 kritische berichte 4/92
doi:10.11588/kb.1992.4.29105 fatcat:fjwhn7l7rveadev4n4tittgyzq