Literale Kompetenzen und literale Sozialisation von Jugendlichen aus schriftfernen Lebenswelten - Faktoren der Resilienz oder: Wenn Schriftaneignung trotzdem gelingt. Schlussbericht zu Handen des Schweizerischen Nationalfonds [article]

Hansjakob Schneider, Andrea Bertschi-Kaufmann, Annelies Häcki Buhofer, Wassilis Kassis, Wilfried Kronig, Fachhochschule Nordwestschweiz FHNW, Fachhochschule Nordwestschweiz FHNW
2016
i.Üe. Abstract Misserfolg im Lesen und Schreiben ist nicht vorprogrammiert: Es gibt immer wieder Kinder und Jugendliche, die auch unter den Bedingungen eines bildungsfernen Umfelds eine erstaunlich erfolgreiche Entwicklung durchlaufen. Wenn es gelingt, Einflussgrössen zu identifizieren, welche einen Erfolg auch unter belastenden Vorzeichen ermöglichen und wenn diese Grössen auch gesteuert veränderbar sind, dann lassen sich Interventionsprogramme für die Praxis ableiten. Derartige Überlegungen
more » ... tige Überlegungen nähren die Hoffnung, aktiv etwas gegen den lang anhaltenden Bildungsmisserfolg bei bestimmten sozialen Gruppen tun zu können. Die vorliegende Studie zeigt, dass literal resiliente Jugendliche sich von anderen Jugendlichen unter anderem durch den Sinn unterscheiden, den sie der Schriftlichkeit in ihrem Leben zuschreiben; anders gesagt: durch die Funktionen, die sie für das Lesen und Schreiben in ihrem Leben haben aufbauen können. Dabei ist es überdies wichtig, dass die Jugendlichen einen Zusammenhang zwischen ihrem privaten Tun und den schulischen Anforderungen herstellen können. Was ist Resi l ienz? Definition Den Phänomenen des erwartungswidrigen literalen Erfolgs ging das Forschungsprojekt "Literale Resilienz -wenn Schriftaneignung trotzdem gelingt" nach. Fokussiert wurden dabei Faktoren der Lese-bzw. Schreibsozialisation, die Jugendliche mit ungünstigen Voraussetzungen in ihrer Entwicklung stützen. Die Tauglichkeit des Resilienzbegriffs ist aber nicht unbestritten, weshalb er im Folgenden aus theoretischer Perspektive beleuchtet und in seiner Anwendung in unserem Projekt dargestellt wird. Der Resilienzbegriff wird in der wissenschaftlichen Diskussion nicht einheitlich gebraucht, die verschiedenen Fassungen fokussieren aber übereinstimmend die Fähigkeit oder die Befähigung zum Widerstand gegenüber Einflüssen, die eine gewünschte Entwicklung hemmen, gefährden oder ihr einen negativen Verlauf geben können. Traditionell wird in Resilienzkonzepten zwischen Risiko-und Schutzfaktoren unterschieden. Als schützend werden Faktoren beschrieben, die den Heranwachsenden helfen, sich trotz einem hohen Risiko unauffällig zu entwickeln. Resilienz ist das Produkt dieser schützenden Einflüsse. Resilienz braucht keine individuelle Eigenschaft einer bestimmten Person zu sein. Denn so wie das komplexe Ereignis "Bildungserfolg" nicht ausschliesslich das Ergebnis individueller Fähigkeiten ist, so dürfte auch das als 'Widerstand' interpretierte Phänomen nicht eine individuelle Angelegenheit sein. Dieser Befund ist für die vorliegende Forschungsstudie wegleitend: Neben Merkmalen des Individuums wurden zahlreiche Faktoren seines Umfelds und seiner Interaktionen mit dem Umfeld in Betracht gezogen. Die hauptsächliche Attraktivität des Resilienzbegriffs ist darin zu sehen, dass er der Theoriebildung zusätzliche Differenzierungsmöglichkeiten und der Praxis neue Hoffnung gebracht hat. Problematisierung Trotz seiner Plausibilität ist das Konzept mit Problemen behaftet, die sich nicht leicht aus der Welt schaffen lassen. Wir nennen nur einige davon: Studien, die mit dem Resilienzbegriff arbeiten, haben u.a. damit zu rechnen, dass nicht ein einzelner Schutzfaktor auf einen einzelnen Risikofaktor wirkt, sondern dass komplexe Ursachenketten für die beobachtete Resilienz verantwortlich sind. Zudem wirkt ein Faktor nicht unter allen Bedingungen und in allen Ausprägungen auf dieselbe Weise; so kann z.B. die allzu hohe Ausprägung von Selbstvertrauen (ein an sich guter Schutzfaktor in verschiedenen Zusammenhängen) zu übermässig aggressivem Verhalten führen. Zudem kommt noch ein logisches Problem hinzu, das häufig zu wenig kontrolliert wird: Wenn sich aus einer risikobelasteten Gruppe nicht alle Individuen ungünstig entwickeln, kann das unterschiedlichste Gründe haben, die ausserhalb des Phänomens der Resilienz liegen. Diese Einwände können nicht den Kerngedanken des Resilienzkonstrukts widerlegen. Aber sie überdecken dessen Plausibilität mit Unübersichtlichkeiten und Unwägbarkeiten. Und sie warnen vor einer zu schlichten Fassung des Konstrukts und den damit wahrscheinlich auftretenden Enttäuschungen bei der Umsetzung von Interventionen. Dieser letzte Punkt ist im Zusammenhang mit unserer Studie besonders wichtig: Nicht alle Befunde unserer Studie werden in Interventionen umgesetzt werden können. Auch wenn in der Folge verschiedene Grössen identifiziert werden, welche die resilienten Jugendlichen von den anderen unterscheiden, dürfen wir dabei nicht vergessen, dass einige dieser Faktoren in keiner Weise beeinflusst werden können (z.B. das biologische Geschlecht) und dass bei anderen Faktoren unklar ist, in welchem Mass sie Interventionen zugänglich sind (z.B. Geschlechterstereotype). Für einen dritten Typ von Faktoren (z.B. einzelne Motivationen) wiederum ist in der Forschung bereits aufgezeigt worden, dass und wie sie verändert werden können. Operationalisierung Im konkreten Fall sind es immer Setzungen, die bestimmen, wer resilient ist: Welches Ausmass muss ein als problematisch erkanntes Merkmal annehmen, bis es die Risikoschwelle überschreitet? Was wird als Erfolg bzw. gewünschte Entwicklung definiert und wo liegt die Grenze zu durchschnittlicher Entwicklung oder Misserfolg? Je nach Strenge der gewählten Kriterien wird die als resilient bezeichnete Gruppe grösser oder kleiner. In der vorliegenden Studie wurde aus mindestens zwei Gründen eine weite Fassung des Begriffs gewählt: Erstens sichert eine genügend grosse resiliente Gruppe eine ausreichende Zellbesetzung bei den anschliessenden Berechnungen zu deren spezifischen Eigenschaften. Zweitens führt eine zu enge Fassung des Begriffs schnell in die Problematik von Extremgruppenvergleichen, wodurch die untersuchten Effekte überschätzt werden. Abgestützt ist die Definition auf einen der klassischen Zusammenhänge des Bildungserfolgs: Als Risikogruppe sind Schülerinnen und Schüler definiert, welche aus sozial unterprivilegierten Familien stammen. Diese wurde als unterstes Drittel des sozioökonomischen Status festgelegt. Dadurch fokussierte unsere Untersuchung ganz besonders ein Drittel der Gesamtstichprobe (zum ersten Messzeitpunkt waren das 500 Jugendliche). Als literaler Erfolg wurde gewertet, wenn ein Schüler oder eine Schülerin im leistungsbezogenen Lesetest ELFE ein Ergebnis im obersten Drittel erzielt hat. Dementsprechend handelt es sich bei der resilienten Gruppe um Schülerinnen und Schüler, welche trotz tiefem sozioökonomischem Status eine hohe Leseleistung aufweisen. Lesen und Schreiben als Krisenbe wältigung Literale Beschäftigungen können, häufiger bei Mädchen, ein Mittel zur Bewältigung von Problemen darstellen. In diesem Kontext berichten sie von evasivem Lesen, häufig verbunden mit involvierten Leseerlebnissen. Diese Lesemodi erlauben ihnen, ihre Probleme für eine Weile vergessen und in eine faszinierende Buchwelt flüchten und mitträumen zu können. Oder jene, die aus einer Art innerem Zwang heraus schreibend ihre Gefühle veräusserlichen und dadurch verarbeiten. Sie schreiben sich die Probleme von der Seele, bauen "Gefühlsstaus" ab und fühlen sich hinterher erleichtert. Sofie auf die Frage, was wäre, wenn sie gänzlich aufs Schreiben verzichten müsste (Passage 3): Ja, s isch eifach nid so das! Auso i ha ja früecher hani mi dr Arm ufgschnitte und so Sache. Aso, i ha mi viu grisse. Und sit denn hani eifach afa Gedicht schribe. Und sit denn machis eifach nümm. Aso, i dänke scho, es würd mr öppis fähle. (...) Und ja ... Nei, i cha nid ohni Schribe! (lacht leicht) --Und ou Gedicht, das muess eifach mängisch si. Lesen und Schreiben mit Genuss Lesen und/oder Schreiben kann auch einfach Freude bereiten. Man fühlt sich gut oder stolz, wenn man ein dickes Buch nach erfolgter Lektüre beiseite legt, einen selber verfassten fertigen Text vor sich hat oder das Reimen besonders gut gelungen ist. Die Gruppe der genussvoll lesenden Jugendlichen, dazu zählen resiliente und nicht-resiliente, beziehen ihre Gratifikation aus den positiven Gefühlen, die sich durch die Tätigkeit selbst und durch das erfolgreiche und beharrliche Beenden derselben ergeben. Luisa beschreibt ihre Leseerlebnisse so (Passage 4):
doi:10.26041/fhnw-363 fatcat:awqegnddwjb7nnj44sn2hlg6ya