XX. Behandlung bedrohlicher Blutungen in der Schwangerschaft1)

Ph. Jung
1914 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
in Göttingen. M. H.! Blutungen in der Schwangerschaft können im wesentlichen aus drei verschiedenen Gründen entstehen: L bei Abort, 2. bei Tumoren des Collum uteri, 3. bei Platzen von varikösen Gefäßen an Vulva und Vagina. (Die Blutungen bei Plac en ta p raevia werden unter Geb u r t abgehandelt.) 1. Abortblutungen entstehen, sobald sich ein Teil des Eies von der Uteruswand abgelöst hat, und dauern so lange an, als noch Reste des Ejes und seiner Häute im Uterus retiniert werden. Sie können zu
more » ... en. Sie können zu einem hochgradigen, ja sogar lebensbedrohenden Blutverlust führen, wenngleich Verblutungstodesfälle sehr selten beobachtet werden. Trotzdem muß man diese Gefahr stets im Auge behalten. Für die Behandlung der Ahortblutungen muß als oberster Grundsatz hingestelit werden: solange noch a u s de m Uterus ein irgendwie erheblicher Blutabgang besteht, müssen die Abortreste, die ihn verursachen, ausgeräumt werden. Ehe man aber hierzu schreitet, ja ehe man überhaupt eine abortierende Frau innerlich untersucht, soll m a n nie unterlassen, eine genaue Temperaturmessung vorzunehmen. Denn oft besteht schon Fieber, das dann nach der Ausräumung weitergeht und dem Arzt zum Vorwurf gemacht wird. Hat er es vorher konstatiert, so fallen alle diese Vorwürfe von vornherein nicht zu Lasten des Arztes. Die Ausräumung selbst kann sehr einfach, aber auch recht schwierig sein, je nachdem das Cavum uteri ohne weiteres für den Finger zugängig oder nicht zugängig ist. Findet man das Collum uteri so weit, daß man mit einem Finger hindurchkann, so wird sich die Entfernung der Eireste meist recht einfach gestalten. Man entleert den Darm durch ein Klisma, die Blase (wichtig!) mit dem Katheter, rasiert oder kürzt wenigstens die Schamhaare und reinigt die äußeren Teile von dem verschmierten Blut mit Wasser und Seife. Die Blutkoagel in der Vagina werden mit 1/2 % iger Lysollösung ausgespült. (Sublimat, auch in schwacher Lösung, empfiehlt sich nicht wegen seiner Giftigkeit und auch wegen seiner die Gewebe härtenden Eigenschaft. Lysol macht dagegen die Schleimhaut in erwünschter Weise glatt und schlüpfrig.) Schließliôh sollen die äußeren Teile mit einem Jodtinkturanstrich versehen werden. Auch eine Narkose ist bei empfindlichen Frauen erwünscht, oft genügt ein Aetherrausch. Die Patientin wird in Steinsehnittlage aufs Querbett gelegt und die eine halbe Hand in die Vagina eingeführt, während die andere Hand von außen das Corpus uteri fixiert. Nun dringt der Zeigefinger der inneren Hand in die Uterushöhle ein und löst mit streichenden Zügen, aber ohne Kratzen mit dem Nagel, die noch festhaftenden Eireste von der Uteruswand ab, bis diese annähernd glatt ist. Besonders die Tubenecken müssen, unter stetem Gegendruck von außen, gut ausgeräumt werden. ist der Uterus leer, oder sind wenigstens alle Eireste gelöst, so empfehle ich, stets eine gründliche Ausspülung des Cavum uteri mit 4Ø0 warmem 70 %igen Alkohol zu machen, und zwar durch den Fritsch-Bozemanschen Katheter. Durch diese Spülung werden etwa noch im Cavum liegende und gelöste Eireste ausgespült und die Höhle gut gereinigt. Um den Uterus gut zur Kontraktion zu bringen, wird er zwischen äußerer und innerer Hand tüchtig massiert, auch gebe ich stets eine intramuskuläre Injektion von 1 ccm Secacomm. Eine Tamponade ist nur selten nötig, wenn nämlich der Uterus Neigung zur Atonie zeigt. Dann muß er bis zum Fundus ganz fest mit steriler Gaze ausgestopft werden. Damit läßt sich wohl immer eine definitive Blutstillung erzielen. Es ist in solchen günstigen Fällen durchaus anzuraten, vorn Gebrauch irgendwelcher Instrumente zur Entleerung des Uterus abzusehen. Der Finger arbeitet viel schonender und vermeidet vor allem die Gefahr der Perforation der oft sehr weichen Uteruswand. Viel weniger einfach gestaltet sich die Entleerung des Uterus dann, wenn der Zervikalkanal n i e h t für den Finger durchgängig ist. Dann muß er auf irgendeine Weise eröffnet werden, ehe ausgeräumt wird. Es ist dringend zu widerraten, etwa bei uneröffneter Cervix allein mit Instrumenten (Kurette, Abortzange) auszuräumen. Alle diese Instrumente sind gefährlich und führen leicht zur Perforation! Die Eröffnung des Zervikalkanals für den Finger kann auf zweierlei Wegen vorgenommen werden: Allmählich, indem man entweder in Jodalkohol sterilisierte Lamina ri a s tif t e einlegt oder aber den Zervikalkanal fest mit steriler Gaze ausstopft. Beide Methoden führen gewöhnlich bald zur Anregung einer leichten Wehentätigkeit und damit zur Eröffnung der Cervix. Nach etwa 12-18 Stunden sollen die Quelimittel entfernt und der Uterus ausgeräumt werden. Nicht selten findet man hinter der Tamponade oder den Laminariastiften das schon völlig gelöste Ei. Rasch, indem man die Cervix durch Metalldilatatoren (Stifte nach Hegar, Fritsch u. a.) dilatiert und dann gleich ausräumt. Beide Verfahren haben ihre Vor-und Nachteile. Der Vorteil der allmählichen Dilatation besteht darin, daß Verletzungen vermieden werden und auch die Lösung der Eireste oft durch die Wehentätigkeit zum größten Teil besorgt wird. Der Nachteil dieses Verfahrens besteht in der Möglichkeit der Infektion. Ist dei Uterusinhalt schon zersetzt, so wird er durch Tampon und Laminaria gestaut, und es kann hohes Fieber eintreten und eine weitergehende Infektion die Folge sein. Der Vorteil der raschen instrumentellen Dilatation besteht darin, daß die ganze Ausräumung in einer Sitzung vorgenommen werden kann und eine Infektion weniger zu fürchten ist. Da.. gegen hat dies Verfahren den Nachteil, daß leichter Verletzungen in Gestalt von Cervixrissen oder gar Perforation eintreten. Es ist nicht leicht, Vor-und Nachteile beider Verfahren gerecht gegeneinander abzuwägen. Die Wahl wird mehr oder weniger dem subjektiven Ermessen des Operateurs anheimzustellen sein. Besteht vor der Ausräumung schon Fieber, so soll man lieber von Laminaria und Tamponade absehen. 112 Heruntergeladen von: NYU. Urheberrechtlich geschützt.
doi:10.1055/s-0029-1190371 fatcat:kzqojei5vvcv3kpg5rg3fqfjhy