Der Typhus in Oberstein unter dem Einfluß der systematischen Typhusbekämpfung

Otto Lentz
1913 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
im Kaiserlichen Gesundheitsamt. Eine der letzten Aufgaben, an deren Lösung Robert Koch regen Anteil neamen konnte, war die vor nunmehr zehn Jahren im Südwesten des Reiches eingerichtete planmäßige Typhusbekämpfung. Mit regem Interesse verfolgte er die Arbeiten der im Bekämpfungsgebiete errichteten Untersuchungsanstalten, nahm, so oft er konnte, an den Versammlungen ihrer Leiter teil und ließ sich auch in persönlicher Aussprache von jedem einzelnen Mitgliede der Anstalten Bericht erstatten,
more » ... cht erstatten, dabei stets zu sorgfältiger Prüfung neuer Ergebnisse und zu aufmerksamer Berücksichtigung aller, auch zunächst scheinbar unwichtiger Verhältnisse anregend. Die ausgezeichneten Darstellungen von K i r e h n e r'), Schneider und Frosch2), Fornet3) sowie die Denkschrift über die Typhusbekämpfung im Südwesten Deutschlands4) legen auf Grund des vorhandenen Aktenmaterials beredtes Zeugnis dafür ab, daß die aufgewandten Mittel reiche Früchte für die Allgemeinheit getragen haben. Daneben zeigen eine große Anzahl von Einzeldarstellungen aus den Untersuchungsanstalten, in wie reichem Maße auch einzelnen Gemeinden die Segnungen der planmäßigen Typhusbekämpfung zuteil geworden sind. Hierzu einen kleinen, aber, wie ich glaube, recht lehrreichen Beitrag zu liefern, soll der Zweck der folgenden Zeilen sein. Daß ich erst heute zu dieser Veröffentlichung schreite, hat lediglich darin seinen Grund, daß mir daran lag, durch genügend lange Beobachtung einen Dauererfolg feststellen zu können. Zu demArbeitsgebiete der Bakteriologischen Untersuchungsanstalt in Idar a. d. Nahe, deren Einrichtung und Leitung mir im Jahre 1903 übertragen wurde, gehörte die Stadt Oberstein ini Fürstentum Birkenfeld, ein Tndustriestädtchen von lO 000 Einwohnern. Oberstein war ein typischer endemischer Typhusherd. Jahraus jahrein trat dort der Typhus regelmäßig auf und wurde auch in die Nachbarschaft verschleppt. Meist trat er in anscheinend vereinzelten Fällen über die ganze Stadt verstreut auf, nur gelegentlich kam es im Verlauf dieses endemisehen Auftretens zu deutlich epidemiseher Ausbreitung innerhalb einzelner Stadtteile. So hatten sich 1896 und 1899, wohl durch Kontakt, soweit sich dies noch nachträglich feststellen ließ, hauptsächlich in dem auf dem linken Naheufer gelegenen Stadtteil, und 1901 infolge der Verseuchung eines Brunnens in der Hauptstraße und ihrer Nachbarschaft recht ansehnliche Epidemien entwickelt. (In der unten folgenden Tabelle sind diese drei Jahre durch fetten Druck der Jahreszahlen hervorgehoben.) Nach Aussage der in der Stadt praktizierenden Aerzte sowie des Landesa.rztes in Idar hat der Typhus in Oberstein während des ganzen Jahres 1903 einen für Oberstein normalen, d. h. von keiner Epidemie beeinflußten Charakter gezeigt. Gleichwohl konnte ich nach Eröffnung der IdarerAnstalt im Juli 1903 noch in demselben Monat auf Grund der bakteriologischen Untersuchung 11 und bis zum Ende des Jahres 29 Typhuserkrankungen in Oberstein sicherstellen, von denen nur 2 bzw. 7 Erkrankungen polizeilich gemeldet worden waren, und bei 5 weiteren, in die erste Hälfte des Jahres fallenden Erkrankungen und Todesfällen nach der Anamnese mit großer Wahrscheinlichkeit Typhus annehmen. Außerdem fand ich 1903 noch in anderen Orten in der Nachbarschaft von Oberstein fünf Typhuskranke, deren Infektion teils sicher, teils mit großer Wahrscheinlichkeit in Oberstein erfolgt war. Alle diese Feststellungen ergaben die Notwendigkeit, iii Oberstein eine planmäßige Durchsuchung der ganzen Stadt durchzuführen. An diese Aufgabe konnte ich anfangs des Jahres 1904 herangehen. Da ich im Dezember 1903 eine Bazillenerägerin entdeckt hatte, die im Jahre 1896 Typhus durchgemacht 1) Klinisches Jahrbuch 1906, Bd. 17. -') Bericht über den XIV. internationalen Kongreß für Hygiene und Demographic. Berlin 1907, Bd. 2. 3) Zeitschrift für Hygiene und Infektionskrankheiten 1910, Bd. 64. 4) Arbeiten aus dem Kaiser]iehm Gesundheitsamt 1912, Bd. 41. hatte und, ohne seit 1 899 eine nachweisbare Gelegenheit zu einer Neuinfektiori zu haben, noch regelmäßig Typhushazillen im Stuhl ausschied, galt es, auch alle früheren, möglichst weit zurückliegenden Typhuserkrankungen zu ermitteln, um womöglich weitere 1)auerausscheider zu finden. Die polizeilichen Meidekarten ergaben hierzu eine sehr unvollkommene Unterlage ; einmal waren sie erst 1899 eingeführt worden, und anderseits wurde die Meldepflicht nur sehr wenig beachtet. So waren aus dem Jahre 1901. in dem allein durch die erwähnte Brunneninfektion nach Mitteilungen der in Oberstein praktizierenden Aerzte wenigstens 60 Typhuserkrankungen veranlaßt worden waren, im ganzen nur acht Meldekarten vorlianden. Die früheren Erkrankungen mußten also im wesentlichen durch anamnestische Erhebungen ermittelt werden. Nachdeni ich gemeinsam mit meinem Mitarbeiter Dr. Tietz im Januar und Februar aus den Ortskrankenlisten, den Sterbelisten und den Schulversäumthslisten alle verdächtigen Erkrankungen ausgezogen und nach den einzelnen Ortsteiien zusammengestellt hatte, gingen wir im März daran, durch Nachfrage in den Häusern der Stadt nach weiteren verdächtigen Erkrankungen zu forschen. Alle Verdachtsmom ente wurden weiter (lurch eingehende Erhebung der Anamnese und bakteriologische Untersuchung der Verdächtigen verfolgt. Das Ergebnis dieser Nachforschungen war die Aufdeckung voll füiif frischen, noch nicht gemeldeten Typhuserkrankungen und die Feststellung von drei weiteren Typhusbazillenträgerinnen, drei Paratyphustragerinnen sowie einer großen Zahl von Personen, die mit größerer und geringerer Wahrscheinlichkeit in früheren Jahren Typhus durchgemacht hatten. Als erwiesen sahen wir die frühere Typhuserkrankung an, wenn angegeben wurde, daß die Diagnose des behandelnden Arztes auf Typhus gelautet batte, oder wenn die Diagnose auf Grund der charakteristisehen Symptome sich noch nachträglich ableiten ließ. Als solche Symptome verwerteten wir mehrwöchigen fieberhaften Magendarmkatarrh, gastrisches Fieber mit folgendem Haarausfall, blutige Stühle (Ruhr hat in Oberstein nach Angabe der dortigen Aerzte nie geherrscht), vermeintliche Meningitiden, an die sich eine auffallend schnelle Rekonvaleszenz anschloß, und endlich solche verdächtigen Erkrankungen, die in Familien auftraten, in denen in derselben Zeit sichere Typhuserkrankungen vorgekommen waren. Alle anderen nur verdächtigen Erkrankungen, bei denen der Verdacht nicht durch die eben genannten Momente gefestigt werden konnte, habe ich besonders notiert. Sie blieben bei Aufstellung der folgendenTabelle außer Betracht. Daß wir bei der nachträglichen Stellung der Diagnose Typhus der Phantasie nicht die Zügel schießen ließen, mag der Umstand belegen, daß wir für das ganze Jahr 1901, in dem, wie erwähnt, allein während der Brunnenepidemie im Spätherbst des Jahres 60 Typhus.erkrankungen ärztlich festgestellt wurden, nur noch 32 sichere Typhuserkrankungen ermitteln konnten. So ließen sich aus den Jahren 1884:1 1892:6 ehemalige Typhuskranke feststellen. Bis dahin waren die Angaben über die Jahreszeit, in der die Erkrankung aufgetreten war, nur höchst unsicher zu ermitteln; erst vom Jahre 1896 ab ließ sich dies mit größerer Sicherheit erreichen. Ich habe daher von diesem Jahre ab die als sichere Typhen ermittelten Erkrankungen in die folgende Tabelle aufgenommen. Alle unsicheren Fälle und alle Paratyphuserkrankungen und Bazillenträger habe ich unberücksichtigt gelassen. Ich habe dann noch weiter in die Tabelle alle die Typhusfälle aufgenommen, die nach dem Abschluß der planmäßigen Durchsuchung, die Ende April abgeschlossen war, bis Ende
doi:10.1055/s-0028-1128968 fatcat:3ljqcpgqy5dd7gx3boaegpwium