Braucht die Volkswirtschafts-lehre eine Neuausrichtung?

Justus Haucap, Justus Haucap Ist Direktor Des Düsseldorf
2009 unpublished
Ob die Volkswirtschaftslehre eine Neuaus-richtung braucht, ist keine einfache Fra-ge-auch deswegen nicht, weil die Fra-ge nicht besonders präzise ist bzw. eben so pauschal, dass man nur mit einem in-brünstigen Jein antworten kann. Einer-seits wird nicht nur in Deutschland, son-dern auch international, vor dem Hinter-grund der Wirtschafts-und Finanzkrise debattiert, inwiefern die Ökonomik ganz allgemein »versagt« hat, und zwar welt-weit, und ob deswegen eine Neuausrich-tung nötig ist (bzw. eher
more » ... elche Neuaus-richtung). Andererseits erleben wir seit Februar in Deutschland eine überra-schend heftige Diskussion über den Zu-stand und die Zukunft der VWL an deut-schen Hochschulen. Diese Debatte zwi-schen »Ordnungspolitikern« einerseits und »mathematischen Ökonomen« anderer-seits wird teilweise auch als "Methoden-streit" bezeichnet-ein Begriff, der es aus meiner Sicht nicht richtig trifft, denn es geht in der Diskussion eigentlich um viel mehr als nur um die richtige Methode. Wer den Streit auf das Thema formale Metho-den versus qualitative, verbale Analysen reduziert, erfasst nur einen Teil der Dis-kussion. Doch der Reihe nach. Braucht die internationale Ökonomik vor dem Hintergrund der Finanz-und Wirt-schaftskrise einen Paradigmenwechsel? Hier geht es in der Debatte primär um die Makroökonomik und die Finanzmarkt-theorie. Eine gute Zusammenfassung der Debatte inklusive der Kritik von Brad DeLong, Paul Krugman und Willem Buiter an den bisherigen Modellen findet sich jüngst in drei Artikeln im Economist vom 16. Juli 2009. 1 Da ich selbst weder Finanzmarkt-noch Makroökonom bin, vertraue ich auf die Vorzüge der Arbeits-teilung und überlasse es den Finanz-markt-und Makroökonomen, den Bedarf einer Neuausrichtung in diesen Diszipli-nen zu identifizieren. Dabei scheint mir al-lerdings zum einen bemerkenswert, dass auch im Mainstream der Ökonomik al-lerspätestens seit dem Beitrag von Grossman und Stiglitz (1980) die Erkennt-nis bekannt und auch verbreitet ist, dass auch bzw. gerade Finanzmärkte oftmals nicht effizient sind. Die gesamte informa-tionsökonomische Literatur zeigt dies ja im Grunde. Zum anderen erlebt doch auch gerade der Bereich der verhaltens-ökonomisch fundierten Finanzmarkttheo-rie (»Behavioral Finance«) seit Jahren ei-nen Boom. Von einer blinden Gläubigkeit an die These effizienter Märkte (»efficient market hypothesis«) kann man daher ei-gentlich nicht sprechen, zumindest nicht in der gesamten Ökonomik. Die eigentli-che Frage ist, warum sich solche Erkennt-nisse nicht auch in der Wirtschaftspolitik durchgesetzt haben. Diese Frage leitet auch zum zweiten The-menkomplex über und die momentane Diskussion in Deutschland über die Rol-le von formalen Methoden und Ordnungs-politik. Ausgelöst wurde die Debatte durch den offenen Brief der Kölner Kol-legen Wilgerodt und Watrin 2 sowie die Be-richterstattung darüber in Handelsblatt und FAZ. Der Brief selbst bezieht sich vor allem auf die Neuausrichtung der Kölner Fakultät-die dadurch ausgelöste Debat-te dürfte aber nur vor dem Hintergrund der Veränderungen ganz zu verstehen sein, die wir seit einiger Zeit an deutschen Hochschulen und insbesondere in der VWL in Deutschland erleben. Ökonomi-sche Forschung und Lehre werden seit mindestens 20 Jahren zunehmend inter-nationaler-ein Prozess, der nicht mehr aufzuhalten ist, und das ist auch gut so. Nachtrag: Krise der Wirtschaftswissenschaften? Ergänzend zu den Beiträgen im ifo Schnelldienst Nr. 14/2009 äußerst sich Justus Haucap zum »Me-thodenstreit« in der VWL.
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