Kapitel V: Lesepraktiken in ihren antiken Kontexten [chapter]

2021 Lesepraktiken im antiken Judentum  
Im Folgenden sollen noch einmal gebündelt und konzentriert disparate jüdische Gemeinschaften der Antike hinsichtlich ihrer je spezifischen Praktiken des Lesens untersucht werden, sodass die Ergebnisse der vorangegangenen Kapitel aufgenommen und weiterentwickelt werden. Die ausgewählten Gemeinschaften bzw. Gruppierungen spiegeln dabei exemplarisch zum einen eine chronologische Ausdehnung wider und zum anderen eine geographische Bandbreite von Israel in die Diaspora bis Ägypten, Babylonien, Asia
more » ... inor und das byzantinische Reich: (1) Qumrans Jāḥad, (2) die jüdische Gemeinschaft von Oxyrhynchus, (3) das byzantinische Judentum, (4) die christliche Bewegung und (5) das rabbinische Judentum. Deutlich werden dabei nicht nur verschiedene Entwicklungen und Ausdifferenzierungen, sondern auch in Kontinuität geteilte 'Normen' und Praktiken. Die Quellenlage in diesen Gemeinschaften kann hier unterschiedlicher kaum sein -hinsichtlich materialer Überlieferung auf der einen Seite und literarischer Zeugnisse auf der anderen, die manchmal, aber nicht immer koinzidieren: Während der yāḥidischen Gruppe eine Vielzahl eigener wie auch gesammelter Schriften zugeordnet werden können, und für die aufkommende christliche Bewegung ebenfalls eine eigene materiale wie literarische Handschriftentradition greifbar wird, gilt dies für die Frühzeit Israels und Judas ebenso wenig wie für die jüdischen Gemeinschaften in der ägyptischen Diaspora -die im Folgenden exemplarisch anhand von Oxyrhynchus aufgezeigt wird -und für das byzantinische Judentum in seiner ungebrochenen Kontinuität mit dem hellenistischen Judentum. Für das antike Judentum schließlich stellen die literarischen Werke des rabbinischen Judentums bei Weitem das umfangreichste Erbe dar, während materiale Artefakte wie Handschriften oder andere, die auf die Gemeinschaft hinweisen könnten, für die Antike wie Spätantike sehr spärlich bleiben, und überlieferte Handschriften erst mittelalterlich belegt sind. Dies gilt auch für die Überlieferung hebräischer wie aramäischer Bibel-bzw. Targumtraditionen -ohne diese nun nur exklusiv mit der rabbinischen Bewegung in Verbindung zu bringen. Ein Aspekt, der mit gewissen Kontinuitäten, aber auch Diskontinuitäten und chronologischen Veränderungen allen jüdischen Gemeinschaften gemein ist, wird mit dem Topos magischer Praktiken, Texthandhabungen und Artefakte im Folgenden nicht gruppenspezifisch, sondern im nächsten Kapitel ausgeführt,1 weisen Lesepraktiken in der Antike und Spätantike doch nicht nur den modernen Charakter von 'Lesen' auf, sondern auch ein Verständnis von Text, das texttragenden Artefakten neben der Textrezeption als 'Lesen' inhärent Wirkmächtigkeiten einschreibt, die performativ im Sinne einer materialen Präsenz werden, ohne dass diese gelesen werden müssen. Die im Folgenden vorgenommene Differenzierung erscheint zum einen auch gerade vor dem Hintergrund der im Eingangskapitel beschriebenen Pluralität des antiken Judentums nicht nur folgerichtig, sondern geradezu zwingend. Damit korreliert zum anderen das hermeneutische und 1 Siehe Kap. VI.
doi:10.1515/9783110732764-005 fatcat:6772rw2tyzf3tgyc3mku2tbrti