Führt die Quartärforschung zu nicht-aktualistischen Modellvorstellungen in der Geomorphologie?

Klaus Heine
1983
& 1983 In Kommission bei FERD. DÜMMLERS VERLAG -Dümmlerbuch 7416 -BONN FÜHRT DIE QUARTÄRFORSCHUNG ZU NICHT-AKTUALISTISCHEN MODELL VORSTELLUNGEN IN DER GEOMORPHOLOGIE? mit 13 Abbildungen KLAUS HEINE "The present is not a master key to all past environments although it may open the door to a few. The majority of past environments differ in some respect from modern environments. We must therefore be prepared, and have the courage, to develop nonactualistic models unlike any that exist today."
more » ... exist today." (READING, H.G. 1979, zit. nach DOUGLAS 1980). Einleitung Die Erforschung der Reliefgenerationen ist eine Hauptaufgabe der Geomorphologie (BÜDEL 1977, 197). Geomorphologen bedienen sich bei der Erforschung der Reliefgenerationen des raum-zeitlichen Großvergleichs (BÜ-DEL, 1977, 197). Dieser besteht darin, daß auf dem heutigen Festland eine klimamorphologische Zone gesucht wird, die hinsichtlich ihrer Formenwelt mit der zu erklärenden fossilen Reliefgeneration vergleichbar ist und in der die Bildungsmechanismen, die die Formen bewirken, heute auftreten und erfaßbar sind (BÜDEL 1977, 197). Auch Louis & FISCHER (1979, 613ff.) bedienen sich in ihrer Allgemeinen Geomorphologie des raum-zeitlichen Vergleichs, indem sie die Erkenntnisse der Prozeß-Geomorphologie, die die gegenwärtige Anlage der größten Formen und der feineren Oberflächenformen darstellt, auf die Formenmannigfaltigkeit von Reliefgenerationen und die Vergesellschaftung von Anteilen verschiedener Reliefgenerationen übertragen. Die Autoren der genannten Lehrbücher sind sich bewußt, daß dem aktualistischen Prinzip in der klimagenetischen geomorphologischen Forschung Grenzen gesetzt sind (vgl. auch RATH JENS 1971, 10-12), jedoch ist das aktualistische Prinzip -kritisch angewendet -nach WIL-HELMY (1974, 45) die bisher erfolgreichste Methode zur Differenzierung der in Phasen unterschiedlicher Klimabedingungen entstandenen Formengruppen. 1970 weist ROHDENBURG nachdrücklich darauf hin, daß aktualistische Paläoklima-Konzeptionen durch nicht-aktualistische Paläoklima-Konzeptionen ergänzt werden müssen; seine Überlegungen führen zu dem Modell morphodynamischer Aktivitäts-und Stabilitätszeiten. Andere Aspekte der Reliefentwicklung zeigen BRUNSDEN & THORNES (1979) und BRUNSDEN (1980) auf: Die räumlichen Unterschiede der Landschaftssensitivität ergeben einmal charakteristische stabile Formen dort, wo Änderungsimpulse weniger häufig auftreten als Zeit für Anpassung an sie vorhanden ist, und andererseits entstehen instabile Übergangsformen dort, wo Impulse mit größerer Häufigkeit eingreifen; Gebiete, die nur träge auf Änderungen reagieren, zeigen Reliefpersistenz, während sensitive Gebiete sowohl charakteristische als auch Übergangsformen enthalten (BRUNSDEN 1980, 16) . Ein klimaspezifisches Relief stellt DOUGLAS (1980) in Frage, wenn er die Grundannahme der klimatischen Geomorphologie bezweifelt, daß nämlich die Klimaelemente über eine ausreichend lange Zeit hinweg so stabil sein können, daß ein klimaspezifisches Relief entsteht. Die wenigen genannten Hinweise mögen zeigen, daß die Geomorphologen in der Vergangenheit die Oberflächenformen zu erklären versuchten, indem sie die Bildungsmechanismen durch "geologische Zeiten" verfolgten. Heute haben viele Geomorphologen diesen Weg bereits verlassen, da sie zu erkennen glaubten, daß die "Details" der Reliefentwicklung eine bessere Erklärung verlangen. Doch häufig läßt der Mangel an "facts" keine Entscheidungen zu und verbietet zugleich die Fortführung der hypothetischen Erörterungen (ROHDENBURG 1970, 94) . Im folgenden werden Beobachtungen mitgeteilt, die zu nicht -aktualistischen Modellvorstellungen führen; diese jedoch können für die Lösung scheinbarer Gegensätze von Bedeutung sein. Beispiel: Gletscherschwankungen Befunde Beobachtungen aus den Hochgebirgen aller Erdteile belegen Gletscherschwankungen während der Kleinen Eiszeit; die meisten Gletscher hatten im 17., 18. oder 19. Jahrhundert ihre letzte maximale holozäne Ausdehnung und schmolzen seitdem schnell zurück (PORTER 1981 a; J.M. GROVE 1979). Ausgehend von diesen Beobachtungen wurde gefolgert, daß die Gletscher feinfühlige Klimaindikatoren seien und daß Gletscherschwankungen weltweit mehr oder weniger synchron auftreten müssen, sofern sie weltweite Klimafluktuationen bzw. Klimaschwankungen repräsentieren. Erst infolge der in den letzten Jahren zunehmenden Datenfülle über absolute Datierungen von Gletscherschwankungen wird deutlich, daß eine zeitliche Parallelisierung der Gletschervorstöße weltweit nicht möglich ist, weder für das noch recht gut erforschte Holozän (Abb. 1), noch für das Spätpleistozän (vgl. HEINE 1977). Abb. 3: Zeit-Raum-Diagramme der letzteiszeitlichen Gletscherschwankungen (ausgewählte Gebiete nach verschiedenen Autoren). Meeresspiegelschwankungen zum Vergleich. that in order to find a master key to past environments by which we may interpret the evolution of landforms, explain the origin of correlative deposits, and estimate the rate at which segments of the earth's surface evolved, we have to develop non-actualistic models unlike any that exist today.
doi:10.5283/epub.9700 fatcat:ds44v5plp5grrh73j3tut5tcxa