Eine neue Biophilosophie ein neues Menschenbild

Thomas Schweizer
2020 Schweizerische Ärztezeitung  
Dr. med., MAS Philosophie und Medizin, Mitglied des Forums Medizin und Philosophie, Mitglied FMH «Die Sprache der Physik ist die Mathematik», sagte ein leitender Theoretiker des CERN anlässlich eines Vor trags vor Philosophen. Man kann diese Aussage erwei tern: Mathematik ist das Gerüst naturwissenschaftli chen Denkens. Die ersten grossen Physiker und Astrologen der Neuzeit glaubten, dass Gott ihnen durch die Mathematik einen Einblick in seinen Schöp fungsplan gebe. Die Mathematik hat der
more » ... matik hat der Physik, den Natur und später den Biowissenschaften eine Methode in die Hand gegeben, die auch dann noch immer er folgreicher wurde, als Gott längst nicht mehr im Gespräch war. Sie ist im Begriff des Reduktionismus zusammengefasst, was freilich das ihr inhärente Pro blem schon andeutet: Es handelt sich um eine redu zierte Sicht auf die Natur. Die Mathematik definiert das Wesen des untersuchten Gegenstands durch seine All gemeinheit und seine Manipulierbarkeit, denn nur so wird er messbar. Seine Allgemeinheit bedeutet, dass er von jeder Partikularität abstrahierbar sein muss, und seine Manipulierbarkeit, dass er zum Funktionsträger innerhalb eines Systems wird, das experimentell prüf bar und dem eine Theorie hinterlegt ist. Auch in der Biologie hat das nicht Messbare kaum Relevanz. Durch die Abstrahierung werden die einzelnen Ob jekte vollkommen austauschbar. Sie sind invariant und haben keine andere Beziehung zueinander als die rationale, die ihnen die Theorie zudenkt. Sonst hätten Physik, Chemie, Biochemie und die auf ihnen beru hende naturwissenschaftliche Medizin keine Grund lage. Indessen übersieht man leicht, dass dadurch die Abstrakta, die Universalien, gleichsam ontologisiert, uns also als «die Realität» vorgestellt werden. In dersel ben Logik haben wir anzunehmen, dass sich die Lebens vorgänge in Systemen selber organisieren. Im Begriff der Selbstorganisation seien die Geheimnisse des Lebendigseins gleichsam enthalten. Damit sind sie noch nicht verstanden. Es gibt zwischen dem, was man als Leistung des organismischen Systems untersucht und den Prozessen «in naturam» einen Unterschied: Die systemischen Prozesse werden im Labor unter sucht, wo man, um ihre Funktionen zu erkennen, Randbedingungen setzt -setzen muss und auch ent sprechend variieren kann. In der Natur jedoch muss der Organismus sich die Randbedingungen selbst ge ben. Für die natürliche Dynamik zeigen aber die mathematischen Formalismen überraschenderweise eine Unmenge physikochemischer Möglichkeiten auf, von denen nur wenige biologisch sinnvoll sind. Der Organismus scheint die Fähigkeit zu haben, die weni gen Verläufe zu wählen, die sein Überleben garan tieren. Das setzt eine Urform von Kreativität voraus, die mathematisch nicht weiter analysierbar ist. Zu einem ähnlichen Schluss gelangt man, wenn man das Problem aus der Perspektive der Entropie betrach tet. Organismen können Energie sehr selektiv aufneh men und diese in sich integrieren. Leben «exportiert» durch seine Strukturbildung Entropie, wohingegen an organische Strukturen dazu verurteilt sind, «blind» Energie oder energetische Stoffe und damit Entropie aufzunehmen. Die Organismen haben demgegenüber gestalterische Möglichkeiten. Sie «erleiden» nicht eine (physikalische) Umgebung, sondern sie gestalten eine (biologische) Umwelt. Das ist wiederum ein kreatives Moment, das mathematisch nicht erfasst werden kann. Die Voraussetzungen, auf denen Biowissenschaften be ruhen, machen es also selber unmöglich, das Wesen des Lebendigen zu erfassen. Man ist an ein Wort von Kant erinnert, dass es den «Newton des Grashalms» wohl nicht so bald geben werde. Die Erfindung des Lebens Der Begriff der Kreativität löst in der naturwissen schaftlichen Forschung eine gewisse Irritation aus. Er verträgt sich nicht mit dem Gedanken an ein Gesetz, das allem hinterlegt sein müsste, nämlich das Gesetz von Wirkursachen, die im Experiment geprüft werden können. Ein solcher Determinismus erreicht die Pro zesse des Lebendigen jedoch nicht. Denn er übersieht, Der Begriff der Kreativität löst in der natur wissenschaftlichen Forschung eine gewisse Irritation aus.
doi:10.4414/saez.2020.18540 fatcat:yb33c6ptbja5ljkjhrddd3clxy