Interview mit Jutta Schöler [article]

Frank J. Müller, Leibniz Institut Für Psychologische Information Und Dokumentation (ZPID)
2020
Ich fand es schon sehr spannend, also gerade diese Frage: Wie kommt man zur integrativen Pädagogik? Vielleicht kannst du es einfach noch mal kurz erzählen. Ich sag mal so, rückblickend kann ich zusammenfassen, dass das bestimmt auf ganz viele Zufälle zurückzuführen ist, welchen Weg ich dann tatsächlich gegangen bin. Und ja, ich habe auch immer wieder gerade LehrerInnen gehabt, die mich unterstützt haben. Ohne die wäre es nicht gegangen, ganz klar. Also zu meiner ehemaligen Klassenlehrerin in
more » ... Realschule, die jetzt dieses Jahr 90 wird, da habe ich immer noch Kontakt, besuche sie regelmäßig im Altenwohnheim, und sie ist stolz auf mich, was aus mir geworden ist. Und ich sag mir immer, das war diejenige, die zum Beispiel zu dem Lehrherrn von dem Reisebüro gegangen ist, weil ich innerhalb von zehn Tagen etwa den Lehrvertrag zurückgeben musste, den ich mir zuvor hart erkämpft hatte. Damals hätte man noch Strafe bezahlen müssen, wenn man einen Lehrvertrag kurzfristig kündigt. Meine Lehrerin hat mit dem Lehrherrn verhandelt, dass meine Eltern keine Strafe bezahlen mussten, sonst wäre das nicht gegangen. Und dass überhaupt jemand noch mal die Initiative ergriffen hat, ob ich nicht vielleicht doch auf die Gymnasiale Oberstufe gehe. Das war damals also 1958 etwa so ungewöhnlich, wie heute ein geistig behindertes Kind am Gymnasium. Ich habe es jetzt hinterher recherchiert: acht Prozent meines Geburtsjahrganges hatten überhaupt nur die Chance Abitur zu machen, dies war nicht so wie heute. Der Schulleiter ist über mein Zeugnis gestolpert, als er es unterschrieben hat. Und es war ein sehr gutes Zeugnis, weil ich sicherlich immer sehr fleißig war und auch lange eigentlich den Gymnasialstoff mir nebenbei erarbeitet habe und er hat mich aus dem Unterricht rausholen lassen und mich erst mal so quasi zusammengeschissen und über meine Eltern Böses gesagt, warum ich nicht auf das Gymnasium gegangen bin. Es sei unverantwortlich von den Eltern, mich nur auf die Realschule zu schicken. Ich habe da wirklich erst mal geheult und meine Eltern verteidigt, dass das einfach nicht ging. Dass das nicht ging, habe ich immer Eigene positive Schulerfahrung Studium des Lehramtes für Sekundarstufe I Studierendenunruhen und ihr Einfluss auf die Schule
doi:10.23668/psycharchives.3409 fatcat:4yguzpuwmngd3jj4llauydl2lu