Vögel des Himmels und Lilien des Feldes (Mt 6,25-34) : Wer sind die Adressaten des Bildworts? [article]

Norbert Lohfink, Universitaet Tuebingen
2020
In Matthew's Sermon on the Mount Jesus' addressees are only his disciples. But behind them were large crowds of people listening. Was his message the same for both groups? Whilst modern commentaries generally mention both, they focus merely on the crowds, if not only on today's readers. In this commentary on what Jesus says about the birds and the flowers (6:25-34) I shall try to distinguish between two different, though coherent messages. Als ich zur Teilnahme an dieser Festschrift eingeladen
more » ... schrift eingeladen wurde, überraschte mich das geplante Thema. Das Thema war zwar treffend: Mit den Stichworten "Ästhetik, sinnlicher Genuss und gute Manieren" (unser Festschrift-Titel) haben die Her ausgeberinnen, beide Schülerinnen von Hans-Winfried Jüngling, mit scharfem Blick eines seiner Lieblingsthemen erkannt -Zeugnis dessen ist zum Beispiel die von ihm angeregte Inschrift auf der Spiegelwand der Mensa der Hochschule Sankt Georgen. Es ist die Passage über gutes Benehmen bei Tisch aus dem Buch Jesus Sirach (Sir 31,12-18). Sie kann die Schmausenden zum Schmunzeln, aber auch zum Nachdenken anregen. Dennoch war ich zugleich erstaunt: Der, den wir ehren, ist ein überzeugtes Mitglied eines katholischen Ordens, in welchem man auf jeden eigenen Besitz verzichtet und einen eher bescheidenen Lebensstil pflegt. Liegt denn das besondere Charisma der Jesuiten in der Ästhetik, im sinnlichen Genuss und in guten Manieren? Zwar war der Orden in seiner ersten Periode, im 16.-18. Jahrhundert, auch prägender Kulturträger, aber heute trifft das leider kaum noch zu. Seine Spiritualität orientiert sich, geleitet von den "Geistlichen Übungen" seines Gründers Ignatius von Loyola, vor allem an den Evangelien, und dort an den "Jüngern", die Jesus in seine Nachfolge ruft. Sie haben alles verlassen und sind mit ihm zusammen bettelarm durch Israel gezogen. Hat unser Jubilar sich also nicht meilenweit von seinem Lebensideal entfernt? So müsste man zunächst doch wohl bei einem solchen Lieblingsthema meinen. Aber ich vermute, dass ihm dann doch Unrecht geschähe und dass die Dinge etwas komplizierter liegen. Norbert Lohfink Mir kam die Bergpredigt bei Matthäus in den Sinn, und in ihr die Passage über die Vögel des Himmels und die Lilien des Feldes (Mt 6,25-34 1 ). Einfach zur schnellen Erinnerung sei sie hier allem Folgenden vorangestellt: 2 Eröffnung 25 Deswegen sage ich euch: Sorgt euch nicht um euer Leben, was ihr essen oder trinken sollt, noch um euren Leib, was ihr anziehen sollt! Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung? Nahrung 26-27 Seht euch die Vögel des Himmels an: Sie säen nicht, sie ernten nicht und sammeln keine Vorräte in Scheunen; euer himmlischer Vater ernährt sie. Seid ihr nicht viel mehr wert als sie? Wer von euch kann, indem er sorgt, sein Leben auch nur um eine kleine Spange verlängern? Kleidung 28-30 Und was sorgt ihr euch um eure Kleidung? Lernt von den Lilien des Feldes, wie sie wachsen: Sie arbei ten nicht und spinnen nicht. Doch ich sage euch: Selbst Salomo war in all seiner Pracht nicht gekleidet wie eine von ihnen. Wenn aber Gott schon das Gras so kleidet, das heute auf dem Feld steht und morgen in den Ofen geworfen wird, wieviel mehr dann euch, ihr Kleingläubigen? 1 Lukas hat eine entsprechende Passage in 12,22-30. Um die folgenden Ausführungen nicht zu verkomplizieren, halte ich mich, von einigen kleinen Seitenblicken abgesehen, im We sentlichen an Matthäus, dessen Text wirkungsgeschichtlich leitend gewesen sein dürfte. Aus dem gleichen Grund halte ich mich an den endgültigen, kanonisch gewordenen Text, und nur am Rande erwähne ich entstehungsgeschichtliche Fragen (z. B. die nach der Lo gienquelle oder die nach der historischen Rekonstruktion). 2 Ich nehme den Text der Einheitsübersetzung 2017, nur habe ich an einigen Stellen noch etwas wörtlicher formuliert. Die links vorangestellte Grobdisposition ist im Text selbst begründet (vgl. die Anordnung der kursiv gedruckten Wörter): Die Eröffnung und der Abschluss sind Paränesen, die beiden Hauptteile behandeln die beiden Bilder und Themen, die in den Rahmenteilen angekündigt und resümiert werden (Vögel = Nahrung, Lilien = Kleidung). An den Übergangsstellen gibt es meist rhetorische Fragen. Für eine genauere Strukturanalyse (mitsamt Begründung) sei auf H. D. Betz, Studien zur Bergpredigt, Tü bingen 1985, 84-105, verwiesen -in letzter Fassung in H. D. Betz, The Sermon on the Mount. A Commentary on the Sermon on the Mount, including the Sermon on the Plain, Hermeneia; Minneapolis 1995, 55-56, Einzelbegründung dann im späteren Kommentar.
doi:10.15496/publikation-46554 fatcat:5umfawbvyjh6xocohlc4qyci5m