Ueber eine neue art der therapeutischen anwendung der umsetzungsproducte der radioelemente, in erster linie der radiumemanation

E. Sommer
1909 Zeitschrift für Experimentelle Pathologie und Therapie  
Mit 2 Ahbihhlugcn im Toxl.) Der in vollster Lebenskraft stehende, obzwar altehrwiirdige Baum unserer Therapic hat eincn neuen 8press getrieben, klein zwar noeh und unscheinbar~ der abcr bald durch dig kr/iftige Nahrung intensiver wissenschaftlicher Bearbeitung sich miichtig entwickeln wird. Von fast fiberw/fltigender Gr6sse sind die Fortsehritte auf dem Gebiet der Naturwissenschaften im Bereich der letzteu Jahrc und Jahrzehnte gewesen: ob wohl jemals friiher, zu irgend einer Zeitepoche der
more » ... Zeitepoche der Weltgesehichte, ~hnlich grossartige, die gauze gebildete Welt fascinirende Entdeckungen, dig an den durch Jahrtausende hindurch festgelegten wissensehaftliehen Grundlagen unserer Weltanschauungen und unserer Naturerkenntniss mit Macht gerfittelt haben, ja sic geradezu zu er-sch~ittern drohteu, zu verzeiehnen w~ren, wie diejenigen der genannten kurzen Spanne Zeit? Beschr/i.nken wir unsere Betrachtungen nut auf e.in kleines Gebiet. Welche Umw'ahungen brachte uns dig Entdeckung und medicinisd~e Verwerthung des neuen Elementes Radium und seiner Umsetzungsproducte! Wir k6nnen kS uns wohl an dieser 8telle versagen, eingehender auf die Geschichte tier Entdeckung der radioaetiven Stoffe einzugehen; unseren Collegen ist dieselbe ja zur Geniige noch im Ge-d~chtniss. Wir kennen zur Zeit vier Radioelemente: Radium (1898 Curie), Acl:inium (1899 Debierne), Thorium (1828 Berzelius) und Uran (1789 Klaproth); ihnen allen gemeinsam ist die F/thigkcit dcr Strahlenemission (Beequerel-Strahlen)~ die bei dem schon ]'gngst bekannten Element Thor yon Curie u. Schmidt, beim Uran yon Becquerel 1896 gefunden wurde. Yon ihnen interessirt uns hier nur das Radium. Radium ist ein zweiwerthiges Element veto Atomgewicht 225 aus Neue Ari d. therapeut. Anwendung d. Umsetzungsproducte d. Kadioe!cmente etc. 891 der Gruppe der Erdalkalien. Neben a-, fl-und y-Strahlen und anderen Energieiiusserungen sender es die gasfSrmige Emanation aus. Die Emanation ist also ein gasfSrmiges Umsetzungs-, resp. Zerfallsproduct des Radiums (auch Actinium und Thor scheiden Emanation ab), das yon Dora 1900 zucrst beschrieben wurde. Es ist ein aus dem Radium sowohl wie aueh aus seincn Salzen und LSsungen als Muttersubstanz Con-s~ant und spontan in unwiigbaren Mengen sich eatwickelndes, positiv elektriseh geladenes, materielles aber unbest~indiges radioactives Gas, das sie"h im Luftraum verbreitet und dis Fiihigkeit bcsitzt, in demselben Raum oder in seiner Naehbarsehaft befindliehen KSrpern inducirte Aetivititt zu verleiben. Die Anwesenheit der Emanation zcigt sich an ihren elektrischen Eigenscbaften; sis selbst ist, wie Gasc im Allgemeinen, unsichtbar, kann aber m~ter bssonderen Umstiindsn im Dunkeln als lsuchtender Nebel wahrgenommen werden. Sic sendet ,-Strahlen aus. Der ]-Ialbwerth der Radiumemanation betrhgt 3,8 Tage: in dieser Zeit sink/: sic, getrennt yon der sis erzeugenden Ausgangssubstanz, dursh Zerfall in weitere Umsetzungsproduets auf die H/ilfte ihrer Menge; w~thrend dieser Zeit biisst sic auch die H/lifts ihrer Strahlungskraft ein. Von weiteren Eigenschaften der Radiumemanation w/itCh derErw/thnung werth die MSglichkeit, dieseibe in einem Gef'g.ss aufzufangen und aufzubewahreu, sis den versshiedensteu Substanzen beizumengen, I?lflssigkeiteu, fests KSrper und Gase mit Emanation zu sattigen. Wenn nicht besondere Vorsichtsmaassregeln angewendet werden, entweicht sic wicder. Einem normalen Zerfall unterliegend, verschwindet sic aueh aus hermetisch verschlossenen Gef'/issen. Der Radiumemauation kommt die Diffusionsfiihigkeit dsr Gase zu; sic kann condensirt werden und zeigt, 5hnlich, den Edelgasen, chemischs Inactivitat. Sic folgt dem Gesetz von Gay-Lussae und unterliegt dem Boyle'schen Gesctz. Radioactive KSrper und damit auch ihrs Emanation sind geradezu ubiquit/ir, sie finden sich in der Luft und im Erdboden, in atmosphiirischen Niederschliigen, in Quellen und Quellproducten etc. Durch besonderen Emanationsreichthum zeichnen sich viele Heilquellen aus, so dass die Vermuthung nahe lag, ihre heilkr'Mtige Wirkung mit ihrer Radioactivitiit in eausalen Zusammenhang zu bringen. In allen his jetzt untersuchten Mineralquellen und vielen Quellsedimenten wurde Emanalti0n nachgewieseu; als Emanation taucht der ,Brunnengsis~" wieder auf, der viol umstrittc~e, dem die Wissensehaft das Leben immer so sauer gemacht kat. Fiir die Emanationswirkung als Grund oder doch wenigstens Antheil der therapeutisehen Einwirkung spricht auch die bekannte Erfahrung, dass ein Mineralwasser, an seiner Quelle friseh getrunkcn, bessere Wirkungen entfaltet, als das auf Flaschen gefiillte derselben Provenienz, zu IIause getrunken: denn die Emanation verschwindct innerhalb kurzer Zeit und mit ihr die durch ihre Anwesenheit bedingten Wirkungen. Es stimmt damit auch fiberein die so und so oft zu bemerkende Congruenz zwischen der HShe der durch die Untersuchungen ausgewiesenen Activit~itswerthe und der auf Grundlage oft Jahrhunderte alter Beobachtungen, hnwendungen und Erfahrungen basirten individuellen Werthschiitzung einer Quelle; unter die anerkanntermaassen hcilkr~ftig-
doi:10.1007/bf02653829 fatcat:3wbspzdvl5fh5ejuxp77nu5s7y