Hält Thomas von Aquin die menschliche Natur für wandelbar?

Theo G. Belmans
2014
Dank ihrer großen Sensibilität für die geschichtliche Dimension der menschlichen Exi stenz hat die Philosophie der Neuzeit uns zur Einsicht verholfen, daß manche Theologen durch eine voreingenommene Lesung der Meister der Scholastik dazu verführt worden sind, die Natur des Menschen als einen starren, erratischen Block zu betrachten und nicht als etwas Lebendiges, weil Geist-erfülltes, das nur in den Zügen einer Person in Erschei nung tritt; das sich unvermeidlich entweder im Wachsen oder im
more » ... nsiechen befindet, weil es nicht nur immer schon eine bestimmte Geschichte hat, sondern sogar, statt den ver schiedensten Einflüssen von außen rein passiv ausgesetzt zu sein, dauernd Geschichte macht, indem es sich selbst mitgestaltet1. Unentrinnbar drängt sich daher die Frage auf, ob wir uns, trotz der reichen Analogie, welche dem Wort 'physis' eignet, nicht allzusehr von der Vorstellung eines völlig determinierten Seienden haben leiten lassen, statt dem Ge danken des Werdens und Sich-entfaltens, der mit Hegel und Heidegger unaufhaltsam zum Durchbruch gekommen ist, den ihm gebührenden Raum zu gewähren, wo es um das Bild geht, das wir uns vom Menschen machen2. Bei alldem werden wir uns vor der Gefahr hü ten müssen, die Grenzen dieser erst jüngst aufgegangenen und mit soviel Begeisterung be grüßten Wahrheit zu übersehen und so einer Art von extremem Evolutionismus zu verfal len. Um nicht bei Gemeinplätzen zu beharren, die ungeeignet sind, Probleme hinreichend zu beschreiben, geschweige denn befriedigende Lösungen herbeizuführen, wollen wir an dieser Stelle der Frage nachgehen, ob man etwa weiterkommt mit der Bemerkung, die sich bei J. Fuchs findet, »der Behauptung der Unveränderlichkeit der menschlichen Natur stehe die Behauptung des Aquinaten von ihrer Veränderlichkeit gegenüber«3. Es fällt nicht schwer einzusehen, daß dieses unvermittelte Gegenüberstellen von zwei einander wider sprechenden Thesen zu keinerlei Schluß führen kann, es sei denn man begnüge sich mit ei nem unverbindlichen Agnostizismus, was sicher auf Fuchs nicht zutrifft, der unentwegt die zweite Alternative befürwortet. Wird man aber Thomas' Lehre besser gerecht, falls man undifferenziert von »veränderlichen Schichten des Menschseins«4 redet? Wie wir 1 M. Seckler, Das Heil in der Geschichte; München 1 9 6 4 ,1 9 7 hebt diese Dimension hervor, wenn er schreibt: »Auf jeden Fall denkt Thomas die Natur des Menschen geschichtlich: sie ist nicht unwandelbar; sie ist den ge schichtlichen Existentialien gemäß variabel«. 2 Vgl. F. Böckle, Das Naturrecht im Disput; Düsseldorf 1 9 6 6,124 ff.: »Die menschliche Natur ist nicht die Wirk lichkeit eines 'fertigen' Seienden, sondern eines Sein-könnens. Sie ist Aufgegebenheit nicht als reine Vorgege benheit«; und W. Kluxen, Menschliche Natur und Ethos. In: MThZ (1972) 2: »Ontologisch gesprochen muß sie (die menschliche Natur) nicht nur mit Begriffen des Seins als eines Bestandes, sondern auch mit Begriffen des Sein-könnens interpretiert werden«. 3 /. Fuchs, Der Absolutheitscharakter sittlicher Handlungsnormen. In:H. Wolter, Testimonium veritati, Frank furt 1971, 220, der sich auf J. Gründel (unten, nota 4), S. 29 beruft, genau wie M. B. Crowe (The Pursuit of the Natural Law. In: The Irish Theol. Quart. 44 (1977) 24, der zu diesem Schluß kommt: »One may say that the mo ral law is unalterably the law of man's (changing) nature«. 4 J. Gründel, Wandelbares und Unwandelbares in der Moraltheologie, Düsseldorf 196 7 ,7 3 . Ders. Naturrecht, in: Herders theol. Taschenlexikon V, 180 ff. W. Brugger's Bemerkungen zur Unveränderlichkeit und Veränderlich keit der menschlichen Natur (in: Theologie und Philosophie (1971) 5 5 4 -5 5 6 ) sind so formal gehalten, daß sie keinerlei Aufschluß zu geben vermögen.
doi:10.5282/mthz/2878 fatcat:qgugovtac5bwrds7tivdejhlni