Die Wahrheit des Romans oder "er her nogen forborgen Trolderie under al denne Forvirring" : Geschlecht und Gattung im ersten nordischen Roman

Andreas G. Lombnæs
2002
Die Wahrheit des Romans oder "er her nogen forborgen Trolderie under al denne Forvirring" : Geschlecht und Gattung im ersten nordischen Roman Autor(en): Lombnaes, Andreas G. Objekttyp: Article Zeitschrift: Beiträge zur nordischen Philologie Band (Jahr): 32 (2002) Persistenter Link: http://doi.org/10.5169/seals-858244 PDF erstellt am: 20.09.2020 Nutzungsbedingungen Die ETH-Bibliothek ist Anbieterin der digitalisierten Zeitschriften. Sie besitzt keine Urheberrechte an den Inhalten der
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Der Klassizismus war eine Reaktion auf jene Tendenzen im Renaissancestil, die gerne mit Schimpfwörtern wie Manierismus oder Barock charakterisiert wurden. Ästhetisch war der triumphierende französische Klassizismus reaktionär; nichtsdestoweniger besaß er ein an seinen Rationalismus gebundenes, progressives Potential. Beim Barock verhielt sich dies nicht ganz so einfach, unter anderem deswegen, weil seine Geschichte (wie dies immer der Fall ist) von den Siegern geschrieben wurde. Als ein entlassener dänischer Zollbeamter, Spren Terkelsen, 1645 seine finanzielle Situation aufzubessern suchte, indem er mit einer dänischen Übersetzung an den Erfolg von L'Astrée anknüpfte, hatte er sich verrechnet. Das dänische Publikum war für Romane noch nicht reif; es sollte fast ein Jahrhundert dauern, bis der erste originale dänische Roman vorlag: Den Fordum 1 Rönne Bogstavs Kaabe Nu I Danske Tunge-Maals Kloede I f0rte Liden Roman Kaldet Den Bekloedte Sandhed/ Fremviist Alle Liebhabere til Forn0yelse/ Af En Det Danske Sprogs inderlige Elskerinde Aminda.' Zu diesem Zeitpunkt war es bereits zu spät. Der Schäferroman hatte seine Anziehungskraft verloren. 'Ist hier irgendeine versteckte Zauberei unter all dieser Verwirrung' 1 'Der zuvor in den Umhang von Runenbuchstaben, jetzt in das Gewand dänischer Sprache gekleidete, kleine Roman, genannt "Die Bekleidete Wahrheit", allen Liebhabern zum Vergnügen vorgelegt von einer innigen Liebhaberin der dänischen Sprache, Aminda.' 236 Andreas G. Lombn.es Abb. 1: Anna Margrete Lasson, Den Bekloedte Sandhed. Titelkupfer und Titelseite der Ausgabe von 1723. Foto: Det kongelige Bibliotek, Kopenhagen. Die Wahrheit des Romans 237 Dieser erste originale Prosaroman in einer nordischen Sprache wurde 1723 gedruckt gleichzeitig wie der erste Band von Hans Mickeisens, also Ludvig Holbergs, Comoedier. Dem handgeschriebenen Werk "De feminis doctis" von Otto Sperling zufolge lag er in Manuskriptform bereits 1715 vor und kann einige Jahre vorher geschrieben worden sein. Der erste Originalroman ist nicht besonders original, und als das letzte Exemplar der hochbarocken Gattung 'Heroisch-galanter Roman', einer Mischung von Ritterund Schäferroman, ist er auch nicht der erste in bezug auf Nachfolger. Bemerkenswert an diesem Roman ist das einzige und fortdauernde Fiasko, das er in der Rezeption erfuhr, wobei diese Rezeption auch deshalb interessant ist, weil sie etwas über die Erwartungen an einen Roman aussagt, mit anderen Worten, weil sie Licht auf die Geschichte der Gattung wirft. Die Formalisten haben klar gemacht, daß man, um die Funktion der interessantesten und innovativsten literarischen Werke verstehen zu können, das Normensystem rekonstruieren muß, welches diese parodieren oder aufbrechen. Wenn unserem Verständnis entsprechend der Roman 1605 mit Cervantes Don Quijote seinen Anfang nimmt, so hat dieser bekanntlich seine Voraussetzungen in den Ritterromanen der vorangegangenen Jahrhunderte. Den Bekloedte Sandhed erschien in einem Interregnum, nach dem Tode des Barockromans, aber bevor der moderne, d.h. der bürgerliche Roman, seine Form gefunden hatte. Im Lauf der Zeit wurde er, sofern er überhaupt bemerkt wurde, nach ständig neuen Gattungskriterien bewertetund verworfen! Auch deshalb erlebte der erste Roman niemals eine Neuauflage. Im folgenden soll mit Ausgangspunkt in einer skizzierten Rekonstruktion (oder Konstruktion) der eigenen Normen (oder Konventionen) des Barockromans eine Interpretation des Textes vorgenommen werden. Auf dieser Grundlage sollte es anschließend möglich sein, nach der Einsicht oder zumindest der vision du monde zu fragen, die sich in der Gattung und speziell in Den Bekloedte Sandhed niederschlägt. Um es auf den Punkt zu bringen: Auf welche Art von Wahrheit nimmt der Titel Bezug? Es dauerte erstaunlich lange, ehe die Forschung zu der Person hinter dem Pseudonym Aminda vordrang, Jungfer Margrete oder Anna Margrete Lasson. Noch länger dauerte es, bis man ein Minimum über ihre Vita herausfand: Geboren 1659 in Kopenhagen, gestorben 1738 in Odense. Ein Ehrengedicht aus ihrer Feder auf die herausragendste Dichterin dänischer Sprache der Zeit, Dorothe Engelbretsdatter, ist vorne in Engelbretsdatters versifiziertem Andachtsbuch Taare-Offer ('Tränen-Opfer'), das im Juli 1684 fertig vorlag, abgedruckt.2 Außerdem gibt es ein "Tire-Minde" ('Erinnerungsgedicht') in der 1696 gedruckten Ligproediken over OlufBorck ('Leichenpredigt für O.B.', gest. 1690).1 Die Jungfer Lasson wird ebenfalls als treibende Kraft hinter einer Sammlung von Psalmen nach deutschem Original genannt.4 2 Dorothe Engelbretsdatter: Samlede skrifter. 1-2. Hg. von Kristen Valkner. Oslo 1955-1956. 3 J. A. Bornemann: Ligproediken over Oluf Borch, 1696. 4 Christian Scriver: Gyldene Bpn-Clenodie. Hg. von Hieronymus Christian Paulli. Kdbenhavn 1718.
doi:10.5169/seals-858244 fatcat:tcs3jerrwbhhlhjv4z425aezhu