Ueber systolische funktionelle Herzgeräusche1)

S. E. Henschen
1909 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
eine so augenfällige Verwirrung wie in bezug auf die Deutung der sogenannten akzidentellen Herzgeräusche. Die Frage drängt zu einer baldigen endgültigen Lösung, denn sie ist sowohl vom theoretischen wie vom praktischen Gesichtspunkte sehr bedeutungsvoll. Sowohl die Behandlung wie die Prognose stellen sich recht verschieden, wenn das Nebengeräusch auf eine Anämie etc. oder auf einen organischen Herzfehler deutet. In theoretischer Hinsicht gilt es, einen gemeinsamen Gesichtspunkt in bezug auf die
more » ... kt in bezug auf die Deutung der Herzgeräusche zu gewinnen. Ueber die Genese der akzidentellen Geräusche sind bis in die letzte Zeit hinein alle erdenklichen Hypothesen aufgestellt worden, die eine im grelisten Widerspruch gegen die andere. Schon eine kurze Uebersicht älterer und neuerer Hypothesen ist in dieser Hinsicht lehrreich. Es gibt spastische" Theorien, wie die von Laënnec, C. Paul, welcher ein état spasmodique des vaisseaux" annimmt, und von Sansom, welcher von einem tremblement qui engendrerait des vibrations du liquid sanguin et un bruit de souffle" spricht -ohne daß eine Spur von Beweis dafür existiert, daß ein Spasmus des Herzens oder der Gefäße vorliege. Ein durch Jahre dauernder Spasmus, entsprechend dem andauernden anämischen Geräusch, Ist überhaupt kaum denkbar, jedenfalls höchst unwahrscheinlich. Der weiche Puls und der niedrige Blutdruck sprechen entschieden gegen diese Theorie. Die Hypothesen, daß abnorme Schwingungsverhältfisse der Klappen durch die abnorme Ernährung des Herzfleisches entstehen, sind auch hinfällig,weil oft solche Ernährungs. -verhältnisse vorhanden sind ohne Geräusche, wie bei der Myocarditis, dem Typhoid etc. Sahli nennt diese Theorien völlig unverständlich. Die hämatogenen Hypothesen geben überhaupt keine physikalische Erklärung der Geräusche, wie schon Friedreich und Skoda hervorgohoben haben, wenn es auch eine Tatsache ist, daß oft Blutveränderungen vorliegen und Thayer und Mc Callum nachgewiesen haben, daß bisweilen der Aderlaß die Entstehung systolischer Geräusche an der Herzbasis begünstigt. Die Theorie von Sahli, daß die Ausströmungsgeschwindigkeit des Blutes infolge der Blutveränderung erhöht sei und daß so Geräusche entstehen, wird dadurch widerlegt, daß keine Geräusche entstehen, wo die Strömungsgeschwindigkeit nachgewiesenermaßen erhöht ist, wie bei Herzklopfen, Fieber, rascher Bewegung etc. Die Pulmonalis-Theorien sind wahrscheinlicher, aber weder die von Broadbent angenommene Erweiterung der Art. pulmonalis, noch die von Lüthj e vermutete Pulmonal-1) Vortrag auf dem XVI. Internationalen medizinischen Kongreß in Budapest. cr 7 Ii V(111 hlfl rUTUI MLV L n J%JIL JBEGRÜNDET VON D PAUL BÔRNR ¿b -35. JFIHRGFING. stenose sind nachgewiesen, übrigens höchst unwahrscheinlich, wenn auch Thayer und McCallum experimentell gefunden haben, daß "every slight pressure over the artery results in a systolic murmur". Ihre Annahme, daß der von der Thoraxwand ausgeübte Druck bisweilen allein ein systolisches Geräusch hervorzubringen vermag, scheint wenig gut begründet. Die Theorie von einer Pulmonalisstenose ist nach H. Müller eine physikalische Unmöglichkeit". Gallaverdins Theorie von einer kombinierten Stenose und Insuffizienz der Pulmonalklappen bei der Anämie hängt in der Luft. Viel Aufsehen erregte Potains Hypothese, daß das anämische Geräusch kardiopulmonaler Natur sei. Die Theorie hat zur Aufstellung einer artefiziellen Einteilung der Präkordialgegend in verschiedene, nahe aneinander liegende Regionen, wo Geräusche ganz verschiedener Genese gehört werden sollen, veranlaßt. Sowohl der Ausgangspunkt wie die Schlüsse der Potainsohen Theorie sind nicht haltbar, und wenige glauben noch an ihre Richtigkeit. H. Müller hat die Potainsche Theorie in veränderter Gestalt aufgenommen. Das Geräusch wird nach Müller nicht durch Aspiration von Luft in die Lunge, wie Potain behauptet, sondern durch einfaches Gleiten der glatten Perikardialblätter erzeugt, oder die Geräusche entstehen durch Quelschung der Randpartien der Lungen". Wenn dem so wäre, müßte man fragen: Warum entstehen die Geräusche nur unter gewissen pathologischen Verhältnissen? Die Theorie H. Müllers scheint unbegreiflich. Keine der erwähnten Theorien geht von erhärteten physiologischen oder klinischen Tatsachen aus. Keine gibt eine physikalische Erklärung des Geräusches, wenn man die Pulmonalstenosetheorie ausnimmt. Von einer Theorie muß man fordern, erstens daß sie von anerkannten klinischen, anatomischen oder physiologischen Tatsachen ausgeht, und zweitens daß sie dio vorliegenden Phänomene, d. h. in diesem Falle dio Eigentümlichkeiten des anämischen Geräusches zwanglos erklärt. Die sogenannten anämischen Geräusche sind pathologisch und können deshalb nicht durch physiologische Vorgänge ihre Erklärung finden. Alle unorganischen Geräusche gehören zu einer und derselben Gruppe, sie mögen bei der Anämie, beim Fettherzen oder beim Fieber etc. vorkommen. Sie sind charakterisiert: durch ihre Weichheit, wenn es auch alle Uebergänge in bezug auf Timbre und Stärke zu den organischen gibt; sie kommen bei Anämischen und Chlorotisehen, Fiebernden etc. vor, aber finden sich auch ohne Blutveränderungen; sie werden vorzugsweise im zweiten linken Interstitium gehört, aber breiten sich oft bis zur Herzspitze aus; sie werden beim Inspirium abgeschwächt resp. nicht hörbar; sie ändern oft Charakter bei veränderter Körperstellung; der zweite Pulmonalton soll nicht verstärkt sein; die rechte Herzkammer soll nicht hypertrophiseh sein, Bei der Deutung dieser Geräusche muß man daran festhalten, daß es alle Uebergänge der unorganischen Ge-J 89 Heruntergeladen von: NYU. Urheberrechtlich geschützt.
doi:10.1055/s-0029-1201684 fatcat:fc6oj5mvzjhoriilu3rzpwhgaa