Gleichstellung "ganz unten": Investitionen in erwerbslose Frauen [article]

Eva Nadai, Fachhochschule Nordwestschweiz FHNW, Fachhochschule Nordwestschweiz FHNW
2016
Ein Konzept macht Karriere: an «Sozialinvestitionen» soll der Sozialstaat genesen, indem Ausgaben für Soziales, Bildung und Familie auf die Ausschöpfung des Humankapitalpotenzials der Bevölkerung ausge richtet werden. Die soziale Sicherung setzt entspre chend auf Aktivierung und die Förderung von Beschäf tigungsfähigkeit, um Arbeitslose und Sozialhilfe beziehende in den Arbeitsmarkt einzugliedern. Ist in dieser Politik ein Gleichstellungspotenzial für unter privilegierte Frauen angelegt? Die
more » ... en angelegt? Die vom dänischen Soziologen Gøsta Esping-Andersen lancierte sozialpolitische Reformstrategie, Sozialausgaben nicht primär als Kostenfaktor, sondern als langfristige Investition in die Wettbewerbsfähigkeit von Nationen zu begreifen und einzusetzen, hat eine breite Debatte in Wissenschaft und Politik ausgelöst. 1 In der Schweiz, so Giuliano Bonoli, ist das Konzept nur in einer «light»-Variante angekommen: die umfassende Vision von langfristigen Investitionen in Kinder, Bildung und Gleichstellung (z.B. durch Massnahmen zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf) wurde auf die Förderung der Arbeitsmarkteingliederung von Transferbezügern reduziert. 2 Unter dem Vorzeichen von Aktivierung und Eigenverantwortung werden Arbeitslose und Sozialhilfebeziehende dazu verpflichtet, an Bildungs-und Beschäftigungsmassnahmen teilzunehmen. Vom Ernährermodell zum «adult worker» Wenn Sozial-und Arbeitsmarktpolitik ganz unter dem Vorzeichen der möglichst umfassenden Erwerbsbeteiligung steht, hat dies Implikationen für das Geschlechterverhältnis. In der feministischen Sozialstaatsforschung kursiert das plakative Diktum, Frauen seien nur «a husband away from poverty» («arm ohne Ehemann»), weil sie schlechte Chancen im Arbeitsmarkt hätten und deswegen auch ungenügend sozial abgesichert seien. So pauschal trifft das natürlich nicht für alle Frauen zu, aber insbesondere Mütter tragen ein hohes Armutsrisiko, wenn sie ohne männlichen «Ernährer» leben -dies umso mehr, wenn sie nur geringe berufliche Qualifikationen vorweisen können. Die Art und Weise, wie der Sozialstaat in Arbeitsmarkt und Familie interveniert, ist deshalb für Frauen von vitaler Bedeutung. Der klassische Sozialstaat richtet die soziale Sicherung nach dem traditionellen Ernährermodell aus: Der Mann ist erwerbstätig und unterhält mit seinem Lohn die Familie, während die Ehefrau sich ohne eigenes Einkommen um Familie und Haushalt kümmert und nur abgeleitete Ansprüche an die soziale Sicherung hat. Dieses Modell trägt jedoch insofern auch «maternalistische» Züge, als von Müttern keine Erwerbstätigkeit erwartet wird und sie einen Sonderstatus beanspruchen können. Beispielsweise wurde es in der Sozialhilfe lange als selbstverständlich angesehen, dass Mütter kleiner Kinder nicht ausser Haus arbeiten müssen und auf staatliche Unterstützung zählen können. Das hat sich geändert: Das Ernährermodell weicht allmählich der Norm der individuellen Existenzsicherung durch Erwerbsarbeit, die nun für beide Geschlechter und unabhängig von der Familiensituation gilt. Dieses neue Leitbild des «adult worker», das der Sozialinvestitionspolitik zugrunde liegt, blendet zwei Probleme aus: die ungleiche Belastung mit Familienarbeit und die Benachteiligungen von Frauen im Arbeitsmarkt. Aus einer Gleichstellungsperspektive tangiert dieser sozialpolitische und gesellschaftliche Wandel überdies eine ganz fundamentale Frage: Ist Autonomie und Emanzipation für Frauen nur über ökonomische Unabhängigkeit mittels eigener Erwerbsarbeit zu erreichen?
doi:10.26041/fhnw-733 fatcat:fh63hipk25dxjfmcp2ywclxkhu