Stellung und Bedeutung der böhmisch-mährischen Industrie im XX. Jahrhundert

Kurt Wessely
2016
Eine Untersuchung über die Bedeutung der böhmisch-mährischen Industrie im Rahmen der Gesamtwirtschaft der Österreichisch-Ungarischen Monarchie stößt auf große Schwierigkeiten, die entweder überhaupt nicht oder nur nach langwierigen Berechnungen überwunden werden könnten. So muß sich daher auch das nachstehende Referat mit einigen Ergebnissen begnügen, die sich aus früheren eigenen Arbeiten ergaben oder die ohne größere Vorarbeiten ermittelt werden konnten. Der Grund dieser Schwierigkeiten liegt
more » ... hwierigkeiten liegt zunächst in den mehr als vier Jahrzehnten, die seit dem Ende der Monarchie verstrichen sind und in unseren gesteigerten Anforderungen an die Aussagen der Wirtschaftsstatistik, die während des Bestandes der Monarchie in der ganzen Welt erst in ihren Anfängen steckte. So legte man damals weder in Wien noch in Berlin Wert auf den Nachweis der Rohstahlproduktion, die uns heute mit Recht als eine Schlüsselzahl zur Bewertung der Wirtschaftskraft eines Landes gilt. Denn die Industriestatistik war damals noch sehr vernachlässigt. Nur die der Bergbehörde unterstellten Bergbaue und Hüttenwerke, die Monopolbetriebe und die mit besonderen Steuern belegten Erzeugnisse (Bier!) wurden stärker beachtet. Weit mehr wissen wir dagegen über die landwirtschaftliche Produktion, die damals stärker im Mittelpunkt fiskalischer Interessen stand als heute, da die Landwirtschaft nicht nur fast den halben Beitrag zum Nationalprodukt der Gesamtmonarchie lieferte, sondern auch dementsprechend besteuert wurde. Ob die Agrarstatistik aber ihren Aufgaben gewachsen war, ist im Lichte heutiger Erfahrungen zweifelhaft. So fehlen uns sehr wesentliche und wichtige Grundlagen zur Beurteilung der industriellen Leistung Böhmen-Mährens und auch die Grenzen zwischen der Industrie im heutigen Sinne und dem Gewerbe sind fließend und lassen sich nicht immer genau verfolgen. Kurz gesagt: Die Statistik folgte zu langsam dem Umbau der Wirtschaft; je mehr die Industrialisierung fortschritt, desto weniger gab die Statistik ein Bild der gewandelten Verhältnisse. Man kann auch nicht so ohne weiters statistische Einzelheiten, die vor dem Ersten Weltkrieg in Altösterreich erhoben wurden, auf das Staatsgebiet der späteren Tschechoslowakei übertragen, die aus der ungarischen Reichshälfte die Slowakei und, für die Dauer der Zwischenkriegszeit, auch die Karpatoukraine übernahm. Man muß dazu österreichische und ungarische Statisti-2 Die Angaben aus der Zeit vor dem 1. Weltkrieg stützen sich meist auf das österreichische Statistische Handbuch 32, 1913. Wien 1914 und auf das Ungarische Statistische Jahrbuch, Neue Folge 21, 1913, Budapest 1915. 3 Volkszählung vom 15. 2. 1921 umgerechnet auf das endgültige Staatsgebiet: 13 611 717 Einwohner (Sudetenländer 10, Slowakei 3 und Karpatorußland = Karpatoukraine 0,6 Mill. Einwohner). Manuel Statistique de la République Tchécoslovaque II und III, Prag 1925 und 1928, denen auch die meisten anderen zeitgenössischen Angaben entnommen werden. Volkszählung vom 1. 12. 1930: 14 729 536 Einwohner, davon 10 674 386 in den Sudetenländern, 3,3 Mill. in der Slowakei und 0,73 Millionen in Karpatorußland. Statistisches Jahrbuch der Cechoslovakischen Republik. Prag 1937.
doi:10.18447/boz-1961-2445 fatcat:ng6xvntitndmhnfrp4j6ktmpuu