»So deutsch wie möglich – möglichst deutsch«: Hausmusik [chapter]

Mechthild von Schoenebeck
Typisch deutsch?  
Wenn der Begriff »Hausmusik« fällt, kommen dem älteren Hörer Werke wie mehrstimmige Volksliedsätze von Fritz Jöde oder die 12 Variationen über »Nun laube, Lindlein, laube« für Blockflötenquartett von Karl Marx, der Mikrokosmos von Béla Bartók in den Sinn, vielleicht auch der vierstimmige Chorsatz »Aller Augen warten auf dich, Herre« von Heinrich Schütz oder die Blockflötensonaten von Georg Friedrich Händel. Man glaubt, Repertoire und sozialen Ort der Hausmusik zu kennen: Kammermusikalisches,
more » ... ermusikalisches, nicht allzu Komplexes, spielbar von musikalischen Laien, aufzuführen im privaten Rahmen. So einfach ist es leider nicht. Vorab sei verraten, dass es weder ein spezifisches Repertoire noch einen eindeutig bestimmbaren sozialen Ort der Hausmusik gibt. Stattdessen finden sich in der Literatur jede Menge Behauptungen, haltlose Thesen und ideologische Konstrukte, die jeweils bestimmten gesellschaftspolitischen Zielen dienen. Ich werde anhand einer Auswahl von historischen Legitimationsstrategien Geschichte, Repertoire und Ideologie der Hausmusik umreißen. Die Darstellung erfolgt gezielt unter dem Aspekt spezifisch deutscher Ideologeme. Dabei soll auch deutlich werden, was Hausmusik mit populärer Musik gemeinsam hat. Den Abschluss bilden Anregungen zum Weiterforschen. . D e r B e g r i f f » H a u s m u s i k « Der Begriff »Hausmusik« lässt sich seit dem 17. Jahrhundert nachweisen; Erich Reimer datiert ihn im Handwörterbuch der musikalischen Terminologie auf 1605. In dieser Zeit wird er »einerseits zur funktionellen Kennzeichnung geistlicher Vokalmusik verwendet, andererseits zur Bezeichnung der diesem Repertoire entsprechenden Musikausübung im Wohnhaus« (Reimer 1 Titel entlehnt bei Bernt Engelmann (1969).
doi:10.14361/transcript.9783839428467.45 fatcat:ferlwhuwbnek7ihkjkwdmivhwa