Physiognomisches Schreiben. Stilistik, Rhetorik und Poetik einer gestaltdeutenden Kulturtechnik [chapter]

Hans-Georg von Arburg, Benedikt Tremp, Elias Zimmermann
2016 Physiognomisches Schreiben  
Was bedeutet es, die Welt nicht nur physiognomisch zu sehen, sondern sie auch so zu beschreiben? Oder anders gefragt: Welche Funktion hat das Schreiben und haben Erscheinungsformen der Schrift für eine jahrhundertealte Kulturtechnik, bei der sichtbare Formen und Gestaltungen als Ausdruck unsinnlicher Anlagen gedeutet werden? Dieser Frage widmet sich der vorliegende Band. Er rückt damit einen Aspekt ins Zentrum, den die wissenschaftliche Literatur zur Physiognomik bislang kaum beachtet hat. Für
more » ... beachtet hat. Für diese Vernachlässigung des Schreibens durch die physiognomische Theorie und ihre Analyse gibt es vor allem zwei Gründe. Entweder wird das Schreiben im Verhältnis zum physiognomischen Akt als sekundär verstanden oder aber es wird als ein unterschwelliger Anteil an diesem Akt gar nicht erst wahrgenommen. Sekundär ist das Schreiben im physiognomischen Handlungszusammenhang freilich nur dann, wenn man es als nachträgliche Verschriftlichung des zuvor physiognomisch Beobachteten und Interpretierten auffasst. Dem aber widerspricht seine subliminale Wirkung. Denn als tacit knowledge aus physiognomischen Theorien und Traktaten hat das Schreiben die physiognomische Deutung immer schon mitbestimmt. In diesem Sinne ist das Titelbild auf dem Umschlag dieses Bandes zu verstehen: als sein programmatisches Sinnbild und als Emblem seines Erkenntnisinteresses. Schrift und physiognomische Umrisse gehen hier eine komplexe Beziehung ein. Die Unterscheidung zwischen Vordergrund und Hintergrund wird durch ihre Transparenz und gegenseitige (Ver-)Formung unklar. Auch semantisch ist das Titelbild sprechend: Kopf, Hand und Schrift sind zentrale Erkenntnisgegenstände der Physiognomik und zugleich Werkzeuge physiognomischer Aufschreibevorgänge. Die Verschriftlichung physiognomischer ›Kopfgeburten‹ nimmt ihren Weg immer über die Hand. Physiognomisches Schreiben ist daher immer auch als ein körperlicher Prozess zu verstehen, der sich mit dem belebten und unbelebten Körper befasst und zugleich von
doi:10.5771/9783968216614-7 fatcat:okq3ib3r6jh6xjzaem73hgy72e