5.3 Narrative Triftigkeit [chapter]

2020 Wirtschaftswunder und Mangelwirtschaft  
Im zweiten Schritt wird die narrative Triftigkeit erhoben. Allerdings existieren, so wurde bereits gezeigt, zwei (verwandte) theoretische Definitionen von narrativer Triftigkeit. Einerseits geht es um die Frage, ob sich die historischen Darstellungen der Schulgeschichtsbücher mit den Prinzipien »Retroperspektivität, Temporalität, Konstruktivität, Selektivität und Partialität« begreifen lassen. 15 Ausgehend von dieser Definition hat Schöner das Konzept des »aufgerauten Textes« von Schörken als
more » ... el eines Schulbuchtextes übernommen. Dabei wird durch Motive der Erzählung, verschiedene Perspektiven sowie durch widersprüchliche oder provozierende Aussagen in der Argumentation die konsistente Struktur aufgebrochen und die Erzählung tritt hervor. 16 Die zweite Vorstellung basiert auf der folgenden Definition der narrativen Triftigkeit von Rüsen: »Narrativ triftig sind Geschichten, wenn der von ihnen als Kontinuität und Zeitfluss dargestellte Sinnzusammenhang zwischen Tatsachen und Normen durch Sinnkriterien (Ideen als oberste Gesichtspunkte der Sinnbildung) gesichert ist, die in der Lebenspraxis der Adressaten wirksam sind.« 17 Hierbei steht weniger die Form der Erzählung im Fokus, sondern vielmehr, ob kausale Zusammenhänge einen Sinn ergeben und auf heute angewendet werden können. Ein thematisches Beispiel hierfür wäre die Frage, ob die »Soziale Marktwirtschaft« die Ursache für die Lohnsteigerungen der Menschen war und ob wir uns heute stärker an den Grundsätzen der »Sozialen Marktwirtschaft« orientieren sollten. Folglich werde ich die narrative Triftigkeit in zwei Schritten prüfen. Für den ersten Schritt werden viele Teile der Methodik von Kühberger übernommen, der ein Codierungsraster für die narrative Triftigkeit als Konstruktions-Analyse entworfen hat. 18 Die Auswahl (vgl. Abb. 4) begründet sich wie folgt: Auf die flächendeckende Analyse der Bausteingruppe I (bei Kühberger) wird verzichtet. Sie umfasst die Erhebung der Vollständigkeit der Provenienzangaben, die Verwendung von Auslassungszeichen und die 15 83. Die Bedeutung der »narrativen Plausibilität« hat Rüsen in aktueller Version leicht verändert. Er definiert sie nun als »Explikation eines zustimmungsfähigen Sinngehaltes [...] im kulturellen Orientierungsgefüge der menschlichen Lebenspraxis«: Rüsen (2013), S. 62. 18 Auch Schreiber verwendet die Triftigkeiten als Analyseinstrument. Als Beispiel verwendet sie einen Ausschnitt über »Irische[n] Missionare bei den Franken«. Erstens werden die Textteile nach den Kategorien Politik, Wirtschaft, Gesellschaft, Religion etc. codiert. Zweitens codiert sie Definition, Argumentationsmuster, Passivkonstruktion, Grenzen der Objektivität, diachrone Kontextualisierung, Gegenwartsbezug, die für die Analyse empirischer und narrativer Triftigkeit von Bedeutung sind und deren Grundlagen aus der Fachwissenschaft resultieren würden: Schreiber u.a. (2013), S. 55, 59. Diese dient als Basis für die Betrachtung historische[r] Erzählungen und die Auswahl von bestimmten Begriffen, die Ursachen für Veränderungen und Sinnbildungen enthalten. Nach Schreiber sind dies Begriffe wie Revolution, Staat und Individuum etc.: Schreiber u.a. (2013), S. 21, 36. Wie im vorherigen Abschnitt gezeigt wurde, analysiere ich vor allem normativ aufgeladene Begriffe wie »Soziale Marktwirtschaft, Vater des Wirtschaftswunders, Mangelwirtschaft«. Deshalb erfolgt die Analyse der Schulgeschichtsbücher deduktiv: Schreiber (2008a), S. 2.
doi:10.14361/9783839452196-022 fatcat:qhnmmnxw6reanhwlm2mf2fhtm4