6 Schluss [chapter]

2022 Medientechnologie und Affekt  
Was bezeugen audiovisuelle Bilder als Dokumente des Krieges? Mit den Erkenntnissen dieser Arbeit hat sich für die Reflexion dieser Frage eine neue Betrachtungsebene eröffnet. Natürlich repräsentieren audiovisuelle Bilder, die mit optischen Kameras aufgezeichnet wurden, in gewissem Sinne ein Stück Realität, dem man zuschreiben kann, als historisches Ereignis bedeutsam zu sein. Diese Zuschreibung bleibt dem Bild am Ende aber immer äußerlich. In Zeiten digitaler Bildbearbeitung, unverhohlener
more » ... gandistischer Vereinnahmung und eigendynamischer Echokammern in den sozialen Netzwerken des Internets ist der Aussagekraft der Bilder als Zeugnisse des Realen beinahe jedes Vertrauen abhandengekommen. Was die Bilder jedoch immer unweigerlich und unhintergehbar bezeugen, ist das Ereignis ihrer eigenen Herstellung: Jemand hat an diesem Ort in diesem Moment den Auslöser seiner Kamera gedrückt und sie in einer ganz bestimmten Weise gehandhabt, um sich buchstäblich ein Bild vom Krieg zu machen. Diese Art der Handhabung und die Umstände seiner Entstehung sind dem Bild nicht zu-, sondern unmittelbar eingeschrieben; sie sind Teil seiner Materialität, organisieren seine grafischen Elemente in Raum und Zeit und wirken damit in seinem Inneren. 1 Die Blickperspektiven und Bewegungen, das Zittern, Wackeln oder Gleiten der Kamera sind auch die des Bildes, und sie sind schlicht, was sie sind: der unmittelbare Ausdruck eines Filmens, das stattgefunden hat. Die Bilder bezeugen insofern einen Akt der Bildwerdungim Sinne des filmischen Bewegungsbildesals historisches Ereignis. Sie teilen etwas mit über den Ort der Aufzeichnung und seine Topografie, über die Körperlichkeit und Sensibilität des Akteurs, über den Apparat, mit dem das Bild hergestellt wurde, und wie diese Dinge zusammenkommen in einer bestimmten Handhabung des Gerätes und der Erzeugung einer Raum-Zeit-Konstruktion des Bildes, in der eine mitteilbare Ansicht der Welt Gestalt gewinnt. Das Mitteilbare liegt in der sinnlichen Qualität dieser Räumlichkeiten und Zeitlichkeiten. Der Bildraum, der diese sinnliche Zurichtung der Welt des Krieges hervorbringt, endet nicht an den vier Rändern der Kadrage. Die Kamera mag nicht, oder nur selten, im Bild sichtbar Open Access.
doi:10.1515/9783110614985-006 fatcat:ayxfsytt3vbj7pkgv3f7ams7ee