Lob der Gegensätze – Henning Ottmann durchforstet die Geschichte des politischen Denkens

Thomas Gutschker
2004 Zeitschrift für Politik  
An Monographien, Handbüchern, Sammelwerken und Gemeinschaftsstudien zur politischen Ideengeschichte herrscht im deutschen Sprachraum kein Mangel. Ein Werk aus einem Guss, sprich: aus der Feder eines Autors, das den gesamten Horizont westlichen Denkens umspannt, das gab es bislang aber nicht. Der letzte, der sich an einem solchen Mammutvorhaben versuchte, war Eric Voegelin. Mehr als tausend Seiten hatte der Politikwissenschaftler im amerikanischen Exil schon verfasst, über zehn Jahre Arbeit, als
more » ... n Jahre Arbeit, als er 1951 aufgab -um mit neuem systematischen Ansatz von vorn zu beginnen. Doch gelangte das neue Vorhaben nicht über die Geschichte der ökumenischen Reiche hinaus, weil Voegelin mit fortschreitender Arbeit seine Hypothesen verfeinerte und am liebsten wieder bei Null angefangen hätte. Dieses Scheitern war zwar philosophisch bedeutsam und ruhmvoll, aber es scheint zwei Generationen von Akademikern davon abgehalten zu haben, selbst den großen Wurf zu wagen. Henning Ottmann hat nun als erster einen neuen Anlauf gewagt: zu einer Geschichte des politischen Denkens von Homer bis in die Gegenwart. Von den geplanten sechs Teilbänden liegen die ersten drei vor, tausend stattliche Seiten, die den Leser bis zum Untergang des heidnischen Roms, an die Schwelle zu Augustinus führen. Es ist gewiss kein Zufall, dass dieses Werk in jenem Umfeld entstanden ist, das Eric Voegelin nach seiner Rückkehr in die Heimat maßgeblich geprägt hat: dem Geschwister-Scholl-Institut, an dem Ottmann studiert hat und heute selbst lehrt. Der Verfasser bekennt sich im programmatischen Vorwort zur »neoklassischen Philosophie« und zur »Hochschätzung der Antike und der klassischen Politik«. Gleichwohl schreibt Ottmann anders als Voegelin keine Geschichte der politischen Ideen als Symbole der Transzendenzerfahrung bzw. deren Verlusts. Diese Geschichte musste bei den frühen Hochkulturen einsetzen, bei denen politische und kosmische Ordnung auf kompakte Weise einander entsprachen. Und sie musste den Texten des Alten Testaments einen besonderen Stellenwert zugestehen. Wo Voegelin
doi:10.5771/0044-3360-2004-1-110 fatcat:crgncy4wofh7tdabf2hplrbxeq