Ein Instrument zur unmittelbaren Herzperkussion

K. Beerwald
1910 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
Die innere Medizin hat mehr und mehr die große Bedeutung des Herzens für Gesundheit und Krankheit erkannt, und die natürliche Folge war das unausgesetzte Bestreben, sich über die Verhältnisse des Herzens ein möglichst klares Bild zu schaffen. Außerordentlich ingeniöse Apparate sind zu diesem Zwecke erfunden worden, man hat mit glänzendem Erfolge das Röntgenverfahren auch für die Herzdiagnose in Anwendung gebracht, und die Messungen des Blutdruckes sowie des Pulses müssen ebenfalls dazu dienen,
more » ... falls dazu dienen, auch für die Beurteilung des Herzens selbst und seiner Leistungsfähigkeit Anha1tspunkte zu geben. Indessen sind doch diese Methoden entweder so kompliziert und zeitraubend, daß sie von dem praktischen Arzt kaum benutzt werden können, oder, so weit sie den letzten Jahren angehören, noch so unvollkommen und im Werden begriffen, daß sie für die allgemeine Praxis sich noch wenig eignen. Das Gros der Aerzte wird daher für die Herauntersuchung sich nach wie vor hauptsächlich auf die Auskultation und Perkussiori beschränken, und bei einiger Uebung sowie der richtigen Technik lassen sich tatsächlich auf diesem einfachen Wege auch Resultate erzielen, welche sehr bestimmende Unterlagen selbst für eine differentielle Diagnose geben. Von diesen beiden Systemen genügte allerdings zu letzterem Zwecke am wenigsten bisher die Perkussion. Wenn man die schwierigen ana-tomischen Verhältnisse bedenkt, welche die Herzperkussion überwinden muß, damit brauchbare, objektiv zuverlässige Anhaltspunkte für die Herzgröße erhalten werden, so ist es nur zu verständlich, daß lange gerade unsere besten Aerzte bald für eine kräftige, bald für eine schwache, leise Perkussion eintraten, da jede von diesen beiden Arten ganz besonders sichere Werte in einer bestimmten Richtung gibt, bis vor allem Goldscheider den speziellen Wert der leisen Perkussion genau erkannte und ihr in seiner Schwellenwert-oder Orthoperkussion eine klassische Ausbildung gab. Die Fingerstellung wird aber stets großen individuellen Schwankungen unterworfen bleiben, und da von ihr nicht in letzter Linie der gewonnene Ton abhängt, auch der von G oldscheider als Ersatz des Fingers konstruierte Glasstab bald schräger, bald gerader gehalten wird, so schien mir die möglichste Ausschaltung alles Subjektiven hier äußerst wiinschenswert. Vielleicht war für eine richtige Beurteilung der Herzgröße durch die Perkussion die Rückkehr zu dem ursprünglich allein von Auenbrugger empfohlenen unmittelbaren Verfahren das Beste, und da ich mich dieser Perkussionsart jetzt über ein halbes Jahr mit sehr gutem Erfolge nach meiner Meinung bedient habe, auch Herr Geheimrat Goldscheider nach mehrmonatlicher Prüfung mir zustimmte und ebenso einige Kollegen, denen ich entsprechende Mitteilung gemacht hatte, so möchte ich hier mein einfaches Verfahren den Kollegen bekannt geben in der Annahme, daß es vielleicht dieser oder jener der Beachtung wert findet. Seit langem besaß ich ein kleines Instrument, dessen Herkunft und Zweck ich inzwischen vergessen habe: Eine kleine, dünne Hartgummischeibe ist mit einem weichen Gummiring umgeben, und in ihrer Mitte befindet sich ein dünner, elastischer Stiel aus Fischbein. Dieses Instrumentes bediente ich mich zur unmittelbaren Herzperkussion, und ich war erstaunt über die scharfen Resultate, die ich mit demselben ohne Mühe bei richtiger Anwendung erhielt. Aber ich gewann dabei noch einen zweiten Vorteil. Ich konnte perkutieren, ohne hinzusehen, nachdem ich mich vorher über die Richtung orientiert hatte, sodaß ich die bei diesen feinen Tonnuancen leicht zur Selbsttäuschung führende Autosuggestion durch das Auge ganz ausschaltete. Mit Hilfe meines Hämmerchens ist heute mein Verfahren folgendes: Ich bestimme zuerst durch ganz leise Perkussion die absolute Herzdämpfung, indem ich die Schallübergänge markiere und jede Richtung der Sicherheit halber zwei-bis dreimal abklopf e, wobei ich fast immer auf den ersten Punkt treffe; daim bestimme ich unter wesentlich stärkerem, aber niemals brutal starkem Klopfen die relative Dämpfung auf die gleiche Weise. Da das kleine Instrument wegen seiner Elastizität stets sofort zurückfedert und die genaueste Abgrenzung gestattet, so dürfte es für die Herzperkussion und die sich aus ihr ergebenden Schlüsse in mancher Beziehung einen Fortschritt bedeuten, nur muß man darauf achten, daß die Perkussion nicht schief, sondern stets senkrecht auf die Thoraxwand erfolgt, was übrigens schon in der Anordnung des Instrumentes selbst ziemlich gesichert ist, und man möge auch nie vergessen, die relativen Begriffe leise" und ,stark" der jeweiligen Dicke der zu durchdringenden Thoraxwand anzupassen. Wieweit sich diese unmittelbare Perkussion auch für feinere Differenzierungen in der Lunge oder an anderen Organen eignet, sei anderen Versuchen vorbehalten. Für die Bauchorgane dürfte sie wohl am wenigsten brauchbar sein. Das Instrument selbst ist zu beziehen durch E. Leitz, optisch-mechanische Werkstätte, Berlin NW., Luisenstr. 45. Heruntergeladen von: NYU. Urheberrechtlich geschützt.
doi:10.1055/s-0028-1143271 fatcat:jebsjamdbbapzjtj2nyhrc5biu