Zur Kritik des Rolandsliedes

FRANZ SCHOLLE
1880 Zeitschrift für Romanische Philologie  
Die Abweichungen, welche die Uebcriieferungcn des Rolands· liedes von einander zeigen, lassen sich in verschiedene Arten theilen. Welche; Uebcrlieferung man auch zu Grunde legt, so findet man in den anderen Verse oder Tiraden, welche bei ganz ähnlichem Inhalt mehr oder weniger verschiedenen Wortlaut bieten, oder es werden einzelne Verse wie ganze Tiraden entweder hinzugefügt oder ausgelassen oder umgestellt. Bei all diesen Arten der Abweichungen zeigen sich häufig gewisse Erscheinungen, von
more » ... cheinungen, von denen manche zwar schon erwähnt, in ihrer Wichtigkeit jedoch nicht genügend hervorgehoben, andere aber kaum oder gar nicht besprochen worden sind. In Bezug auf die gereimten Redactionen ist von vorn herein auf einen Umstand hinzuweisen, der vielfach starke Abweichungen von den assonirenden in ihnen verursachte. Manche Assonanzen lassen sich leicht in Reime umsetzen, und die betreffenden Tiraden weichen daher wenig von den assonirenden ab; die meisten e-oder rf«-Tiraden sind z. B. in er-oder ez-, in ans-, ««/-Reime übertragen, und daher vielfach nicht sehr von den assonirenden abweichend. Andere Assonanzen, welche nicht viel Worter mit demselben Auslaut boten, zwangen die Reimer, zu ganz abweichenden Reimen zu greifen. So gibt Vs die o(n) . ^-Tirade 2 in ^r-Reimen, und in Folge davon ist, eine ins Einzelne gehende Vergleichung, wie sie nicht nur mit Vn, sondern auch mit Ks stattfinden kann, ganz unmöglich. Aehnlich verhält es sich bei allen o . ^-Tiraden, ebenso bei den Assonanzen a . e, }, / . ?, <), . e, «?. Bei ihnen allen können die Reimredactionen zu einer eingehenden Vergleichung nicht herangezogen werden. Bevor auf eine solche eingegangen wird, muss noch hervorgehoben werden, mit welcher Leichtigkeit der zehnsilbige Vers zu anderen zehnsilbigen Versen umgestaltet werden kann, und trotz Wiederholung derselben Wörter und ganzer Wendungen doch nicht eintönig wirkt. Man vergleiche z. B. folgende in O, meist sogar mehrfach, vorkommende erste Halbverse // Vabat mort, tut dbat mort, quc mort mit den zweiten Halbversen il mort abatut, fabat mort des ar uns, . . . de 1a se/e, . . . del cheval, de cJieval tabat mor/, oder mit dem Vers que mort fabat del sun cheval curant; den zweiten Halbvers dieses letzten wieder mit den Halbversen en sun cheval curant, de lur chevals curanz, sun bon cheval curant, e bons chevals Zeitschr. f. rom. Ph. IV. ' 1 3 Brought to you by | New York University Bobst Library Tec Authenticated Download Date | 6/20/15 3:33 PM IQO F. SCHOLLE, 1 Ueber die Abkürzungen, benutzten Quellen etc. s. Ztschr. IV 7. -Kr weicht als gereimte Uebersetzung zu sehr ab, um zu einer Vergleichung einzelner Verse geeignet zu sein; aus Vz liegt fast nichts gedruckt vor. Brought to you by | New York University Bobst Library Tec Authenticated Download Date | 6/20/15 3:33 PM ZUR KRITIK DES ROLANDSLIEDES. IQ7 1159*. -3 : 30 poi U donari palafroi et deistrier Vn, Ks; vor 3 : 30 Vs; vgl. 30* + 479*, 7562. -Für v. 32 tant U donari del fin or es mercr mit falscher Assonanz Vn; hinter v. 33 gibt Vs für v. 32, der ihm auch fehlt, qui comble soient de fin besanz d*or mier, ähnlich Ks, vgl. 132 und U5' 2 . -Nach 3 : 39 Trestula spagna tegniri dalu ~ifcr (1. feit) ^ t, ähnlich Vs, Ks; einen Vers desselben Inhaltes haben Vn, Vs, Ks in Tir. 9, Vs und Ks in Tir. 13; vgl. 2703', 2721 i, 224, 432, 472. -Aus 6 : 86, dessen Assona:izwort feid nicht in die d'z-Reime passt, macht Vs zwei Verse, und nimmt den zweiten auch in Tir. 9, den ersten in Tir. 34 auf; an den beiden ersten Stellen weisen wohl die Worte "seinen Willen vollführen" und "dein ganzes Leben tributpflichtig sein" in Ks auf eine Vorlage, die ähnlich lautete wie Vs; der erste dieser Verse ist gleich 696, 239O 1 , der zweite erinnert an 430' 2 . -Nach 6 : 79 AI seje a Cordes sera i i rois trovez Vs; vgl. 5:71. -6 : 80 Pais senefie, co cst la veritez Vs, ähnlich nach 7 : 93 Vn, Vs, 14 : 203 Vs; vgl. 5 : 73. -Für 9 : 122 nimmt Vn etwa seinen Vers 335 Kölb. = 34 : 425 O, und lässt darauf auch die beiden Verse folgen, die es für 426 -7 O setzt. -Nach 9 : 126 As crestiens se voudra asscmbler Vs, ähnlich v. 38, 85, doch dem Reime angepasst -10 : 150 Bien a sei ans vostre gent i entra Vs vgl. v. 2, 134. -Vor 12 : 168 Bcaus fu H jors, li spls esl esclarez Vs, des Morgens KsaB; v gl-v · *57» 1002, 2646, 3345. -Nach 12 : 168 En faudesteu qu'est de fin or masiz Vs, Ks, vgl. v. 115, 407, 452 etc. -13 : 180 Consiliez moi au mex que vos savez Vs . . . donor ei de berna e Vn, ähnlich Ks; vgl. 20 ! , den zweiten Halbvers hat Vn nach 533 2 und ähnlichen gebildet, der Assonanz wegen aber für bontet und ähnlichem ein Wort genommen, das sich auch in O v. 1983, 3944 in der Assonanz findet; Vs ist hier, wohl des Reimes wegen, selbstständig. -Nach 16 : 230 oü la barba et li ceuo tut Vn, ähnlich Vs; vgl. die Bemerkung zu 3 : 24 und v. 3654^, 3954 2 . -16 : 240 De li uostri barö uos li manda un Vn, Ks, vgl. 421. -Auf 18 : 258 lassen VnVs v. 253 folgen und darauf Vn Li fyerer si inclina son ce/, ähnlich Vs in einem zweiten eingeschobenen Vers; vgl. 138* otn. und 139. -19 : 264 carlo cscria a soa nox alta e gröl Vn, ähnlich Vs; vgl. 2985. -19 : 271 Por questa barba no i ädarai niant Vn, . . . donl li poils est feranz Vs; zu Vn vgl. 249 ! , 261', 3954 ! und 250 mit der so häufig vorkommenden Verstärkung der Verneinung durch nient z. B. etwa v. 787, 1708; zu Vs ausser den bei 16 : 230 citirten Versen noch Tir. XLVII 2 und LX1V 2. -24 : 320 Nus ne vait la qui nen per de la vie Vs, ähnlich Ks, und Ks ausserdem noch was sich ziemlich genau so zurückübersetzen lässt: Or sai asez, il me ferat ocire, cum fisi Basan e sun frere Ba-silie\ vgl. zu diesen drei Versen 293^9642, oder besser que il 1 Förster Ztschr. II 168 will diesen Vers aus Vn in O aufnehmen. Derartige Fragen der Kritik sollen hier nicht erörtert, sondern nur die Thatsachen gegeben werden.
doi:10.1515/zrph.1880.4.2.195 fatcat:annuh7chufeejjakwae24vllne